Heimisches Fracking: Was Reserven, Potenzial und Förderrate unterscheidet

Deutschland fördert noch 4,5 Milliarden Kubikmeter Erdgas im Jahr und deckt damit rund fünf bis sechs Prozent seines Bedarfs; 2025 stieg die Förderung erstmals seit 2003 wieder leicht. Im Untergrund liegt nach amtlicher Schätzung der BGR ein Schiefergas-Potenzial von 320 bis 2.030 Milliarden Kubikmetern, eine Auftragsstudie hält eine Förderung von rund 20 Milliarden Kubikmetern im Jahr für möglich. Kommerzielles Fracking in unkonventionellen Lagerstätten ist verboten, die vier erlaubten Erprobungen fanden nie statt, und zwischen Potenzial und geförderter Menge liegen Jahre.

Von GURT-Redaktion · 18. Juli 2026

Worum es geht

Hohe Energiepreise und geopolitische Risiken haben eine alte Debatte zurückgebracht: Soll Deutschland Schiefergas per Fracking fördern? Der Beraterkreis des Bundeswirtschaftsministeriums empfahl im März 2026, die Förderung zu erlauben und ernsthaft zu prüfen, als eine von mehreren Optionen nach der Eskalation im Nahen Osten. Die nüchterne Frage dahinter lautet: Wie viel wäre realistisch zu fördern, wie schnell, und zu welchem Risiko?

Wichtig ist eine Unterscheidung, die in der Debatte oft verschwimmt: Fracking in konventionellen Lagerstätten, also in Sandstein, ist in Deutschland zulässig und wurde über Jahrzehnte angewandt, seit einigen Jahren allerdings nicht mehr. Verboten ist das kommerzielle Fracking in unkonventionellen Lagerstätten wie Schiefer- oder Tongestein. Um dieses Verbot geht es.

Wie viel Gas Deutschland noch selbst fördert

Die heimische Förderung geht seit über zwei Jahrzehnten zurück. 2025 lag sie bei 4,5 Milliarden Kubikmetern und damit rund ein Fünftel unter dem Wert von 2021. Bemerkenswert ist ein kleiner Wendepunkt: 2025 stieg die Förderung erstmals seit 2003 wieder leicht, um zwei Prozent, vor allem wegen des neuen Nordseefeldes N05-A vor Borkum.

Seit 2003 haben wir einen stetigen Rückgang der Erdgasförderzahlen gesehen.
Carsten Mühlenmeier (Präsident des LBEG), Pressemitteilung zum Jahresbericht Erdöl und Erdgas 2025
Liniendiagramm
Liniendiagramm der heimischen Erdgasförderung in Milliarden Kubikmetern (Rohgas in Feldesqualität): 2021 rund 5,7, 2022 rund 5,2, 2023 rund 4,6, 2024 rund 4,4 und 2025 rund 4,5 Milliarden Kubikmeter. Die Förderung ging in diesen Jahren um etwa ein Fünftel zurück; 2025 stieg sie erstmals seit 2003 wieder leicht an, um zwei Prozent, vor allem wegen des neuen Nordseefeldes N05-A.
JahrMenge (Mrd. m³)
20215,7
20225,2
20234,6
20244,4
20254,5
Heimische Erdgasförderung in Milliarden Kubikmetern, Rohgas in Feldesqualität. 2025 stieg die Förderung erstmals seit 2003 wieder leicht. Die Werte für 2022 bis 2025 stammen unmittelbar aus den Jahresberichten; der Wert für 2021 ist aus der dort genannten Veränderungsrate abgeleitet. Quelle: LBEG, Jahresberichte Erdöl und Erdgas.Quelle: LBEG — Jahresberichte Erdöl und Erdgas in der Bundesrepublik Deutschland
Datentabelle
KennzahlWert
Förderung 20254,5 Mrd. m³ (plus 2 %, erstmals seit 2003 kein Rückgang)
Anteil am deutschen Bedarfrund 5 bis 6 % (Näherung, siehe Methodik)
Anteil Niedersachsens98 % der Förderung
Neues Nordseefeld N05-Arund 4 % der Förderung
Die heimische Erdgasförderung in Zahlen, Stand Jahresbericht 2025. Fördermenge und Regionalanteil stammen unmittelbar aus dem Bericht (Rohgas in Feldesqualität); der Bedarfsanteil ist eine Näherung, weil der Bedarf in Kilowattstunden erhoben wird (siehe Methodik). Quelle: LBEG, Jahresbericht Erdöl und Erdgas 2025.Quelle: LBEG — Jahresbericht Erdöl und Erdgas 2025

Was im Untergrund liegt, und was das heißt

Hier lohnt sich Genauigkeit, denn in der Debatte werden drei sehr verschiedene Größen vermischt. Die konventionellen Reserven, die das LBEG ausweist, sind ein Vorrat und enthalten gerade kein Schiefergas. Das Schiefergas-Potenzial hat die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe 2016 in ihrer NiKo-Studie auf 320 bis 2.030 Milliarden Kubikmeter geschätzt, nach damaligem Stand der Technik förderbar. Das ist eine Menge im Untergrund, keine Jahresproduktion.

Datentabelle
GrößeWertWas sie aussagt
Konventionelle Reserven (LBEG, 31.12.2025)33,3 Mrd. m³Vorrat aus konventionellen Lagerstätten, rechnerisch rund 7 Jahre; Schiefergas ist darin nicht enthalten
Schiefergas, technisch förderbar (BGR, 2016)320 bis 2.030 Mrd. m³Amtliche Potenzialspanne für den Untergrund, weder Reserve noch Jahresmenge
Mögliche Förderrate (Kümpel, Friedrich-Naumann-Stiftung, 2026)rund 20 Mrd. m³ pro JahrSchätzung einer Auftragsstudie, entspräche rund 23 % des heutigen Bedarfs; keine genehmigte oder geförderte Menge
Drei Größen, die in der Debatte häufig vermischt werden: ein Vorrat, ein geologisches Potenzial und eine jährliche Förderrate. Sie sind nicht ineinander umrechenbar. Quellen: LBEG (Reserven), BGR (NiKo-Abschlussbericht 2016), Kümpel für die Friedrich-Naumann-Stiftung (2026).Quelle: BGR — NiKo: Erdöl und Erdgas aus Tongesteinen, Potenziale für Deutschland (Abschlussbericht 2016)

Wie viel davon pro Jahr gefördert werden könnte, ist die eigentlich strittige Zahl. Eine Auftragsstudie des früheren BGR-Präsidenten Hans-Joachim Kümpel für die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung nennt rund 20 Milliarden Kubikmeter jährlich, was etwa 23 Prozent des heutigen Bedarfs entspräche. Das Umweltbundesamt hielt eine Schiefergasförderung dagegen schon 2023 für weder nötig noch dafür geeignet, Gasknappheit oder Preissignale schnell zu verhindern. Unstrittig ist zwischen beiden Seiten vor allem eines: Von der Erkundung über Genehmigungen bis zur Förderung vergehen Jahre, ein Beitrag käme also frühestens mittelfristig.

Was erlaubt ist und was nicht

Seit Februar 2017 gilt ein festes Regelwerk: Kommerzielle Fracking-Vorhaben in unkonventionellen Lagerstätten sind laut Bundeswirtschaftsministerium „bis auf weiteres nicht zulässig“, in Wasserschutzgebieten und an Heilquellen ist Fracking generell verboten. Zulässig wären bis zu vier wissenschaftlich begleitete Erprobungsmaßnahmen, überwacht von einer sechsköpfigen Expertenkommission, die dem Bundestag berichtet.

Bemerkenswert ist, was daraus wurde: Die Evaluierung 2021 stellte fest, dass es in Deutschland weder im unkonventionellen noch im konventionellen Bereich Fracking-Vorhaben gegeben hat. Selbst die erlaubten Erprobungen fanden also nie statt. Die Expertenkommission berichtete dem Bundestag zuletzt 2025 einen gegenüber 2021 unveränderten Stand von Wissenschaft und Technik; viele Umweltschäden wären aus ihrer Sicht vermeidbar, nötig sei ein detailliertes Monitoring, um bei Erdstößen früh eingreifen zu können. Auf dieser Grundlage, so die Kommission, könne der Bundestag über die Angemessenheit des Verbots entscheiden.

Der Blick auf die Importe

Ein Argument der Befürworter zielt auf einen Widerspruch: Während unkonventionelles Fracking hierzulande verboten ist, bezieht Deutschland Gas, das anderswo gefrackt wurde. Die Größenordnung ist allerdings kleiner, als die Debatte oft nahelegt. Nach Zahlen der Bundesnetzagentur importierte Deutschland 2025 insgesamt 1.031 Terawattstunden Erdgas. Über die deutschen LNG-Terminals liefen davon 106 Terawattstunden, also 10,3 Prozent; die übrigen knapp 90 Prozent kamen per Pipeline. Rund 96 Prozent der LNG-Mengen stammten laut BDEW aus den USA und überwiegend aus Fracking-Förderung. Gefracktes US-Gas macht damit etwa ein Zehntel der deutschen Importe aus.

Befürworter lesen daraus, dass ein Verbot im Inland bei gleichzeitigem Import wenig konsequent sei. Kritiker halten dagegen, daraus folge kein Argument für zusätzliche Förderung, sondern eines für weniger fossiles Gas insgesamt; die Deutsche Umwelthilfe fordert ein Importverbot für Fracking-Gas und verweist auf Methanleckagen, die die Klimabilanz mindestens so schlecht wie die von Kohle machten.

Wie darüber gestritten wird

Zwischen „erlauben und ernsthaft prüfen“ und „weder nötig noch schnell wirksam“ liegt das Feld. Die folgenden Stimmen spannen es auf.

Im Diskurs
Wie über Fracking in Deutschland gestritten wird
Soll Deutschland die Förderung von Schiefergas erlauben, und was brächte sie?
Über die Ausgangslage herrscht weitgehend Einigkeit, über die Konsequenz nicht. Die Stimmen stammen aus unterschiedlichen Jahren und Rollen; das ist jeweils vermerkt. Paraphrasiert, mit Quelle:
Beraterkreis des Bundeswirtschaftsministeriums (Kurzgutachten, März 2026)
Angesichts der Eskalation im Nahen Osten und hoher Energiepreise solle Deutschland die Gasförderung über Fracking erlauben und ernsthaft prüfen, um die Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten zu verringern. Fracking ist dabei eine von mehreren vorgeschlagenen Handlungsoptionen.
Bundeswirtschaftsministerium (geltende Rechtslage)
Kommerzielle Fracking-Vorhaben in unkonventionellen Lagerstätten seien „bis auf weiteres nicht zulässig“; in konventionellen Lagerstätten sei das Verfahren zulässig und wurde über Jahrzehnte angewandt. Zulässig wären bis zu vier wissenschaftlich begleitete Erprobungsmaßnahmen.
Quelle: BMWE — Fracking: Rechtslage und Regelungspaket · Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE)
Bundesverband Erdgas, Erdöl und Geoenergie (Branchenverband)
Fracking sei in Deutschland erprobte Technik und in konventionellen Lagerstätten sicher beherrschbar; heimische Förderung vermeide lange Transportwege und sichere Wertschöpfung und Arbeitsplätze. Der Verband vertritt die fördernden Unternehmen.
Quelle: BVEG — Fracking in Deutschland (Verbandsposition) · Bundesverband Erdgas, Erdöl und Geoenergie (BVEG)
Expertenkommission Fracking (Bericht 2025 an den Bundestag)
Der Stand von Wissenschaft und Technik habe sich seit dem Bericht 2021 nicht verändert; viele Umweltschäden wären vermeidbar, nötig sei ein detailliertes Monitoring, um bei Seismizität früh eingreifen zu können. Auf dieser Grundlage könne der Bundestag über die Angemessenheit des Verbots entscheiden.
Quelle: Bericht der Expertenkommission Fracking 2025 (Bundestags-Drucksache 21/850) · Deutscher Bundestag / Expertenkommission Fracking nach § 13a WHG
Umweltbundesamt (Einschätzung von Februar 2023)
Eine Schiefergasförderung in Deutschland sei weder nötig, noch könne sie Gasknappheit oder deutliche Preissignale schnell verhindern; den begrenzten Mengen stünden Risiken für Grundwasser und Untergrund gegenüber. Die Einschätzung entstand im Kontext der damaligen Gasmangellage.
Deutsche Umwelthilfe (laufende Kampagne)
Fracking-Gas sei klimapolitisch keine Lösung: Rechne man Methanleckagen bei Förderung, Transport und Speicherung ein, sei die Klimabilanz mindestens so schlecht wie die von Kohle. Der Verband fordert ein Importverbot für Fracking-Gas und den Ausstieg aus fossilem Gas.
Einordnung: Mehrere Dinge sind gleichzeitig richtig: Im Untergrund liegt nach amtlicher Schätzung ein erhebliches Schiefergas-Potenzial, die heimische Förderung deckt nur noch einen kleinen Teil des Bedarfs, und Deutschland bezieht zugleich Gas, das anderswo gefrackt wird. Ebenso richtig ist, dass zwischen Potenzial und geförderter Menge Jahre und viele Genehmigungen liegen, dass die konventionellen Reserven Schiefergas gar nicht enthalten und dass die kursierende Rate von 20 Milliarden Kubikmetern eine Schätzung ist, keine Zusage. Befürworter und Kritiker verweisen dabei auf Risiken, die die jeweils andere Seite kleiner rechnet: die einen auf Importabhängigkeit und lange Transportwege, die anderen auf Grundwasser, Seismizität und Methanleckagen. Ob der mögliche Beitrag den Eingriff rechtfertigt, ist damit eine politische Abwägung, die der Bundestag zu treffen hätte.