Gaskraftwerke, Erneuerbare, Technologieoffenheit: Warum mehrere Wege gleichzeitig nötig sein können
Wirtschaftsministerin Reiche will neue Gaskraftwerke — während die Erneuerbaren Rekorde brechen. Ein Widerspruch? Die echten Erzeugungsdaten zeigen: Versorgungssicherheit, Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit verlangen parallele Antworten. Mehrere Dinge können gleichzeitig richtig sein.
Von GURT-Redaktion · 1. Juni 2026
Worum es geht
Wirtschaftsministerin Katharina Reiche (CDU) will neue Gaskraftwerke bauen lassen — zunächst war von mindestens 20 Gigawatt die Rede, nach Widerstand der EU-Kommission noch von rund 12 bis 12,5 GW. Sie sollen Versorgungssicherheit garantieren, wenn bei „Dunkelflaute" wenig Wind- und Solarstrom verfügbar ist. Zugleich nennt Reiche das geplante Tempo beim Ausbau der Erneuerbaren überzogen.
Das klingt nach einem Widerspruch zu einer Energiewende, die messbar voranschreitet. Tatsächlich adressieren beide Wege unterschiedliche Probleme zur selben Zeit — gesicherte Leistung kurzfristig, Klima und Kosten langfristig. Die folgende Matrix macht sichtbar, wie verschiedene Akteure zu den drei Maßnahmen stehen.
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- Dafür
- Dagegen
- Differenziert
- Unklar / keine Angabe
Belege
- BMWK (Reiche) · Neue Gaskraftwerke: „Fordert gesicherte Leistung für Dunkelflauten: zunächst ≥20 GW, nach EU-Widerstand 12–12,5 GW." ZDFheute ↗
- BMWK (Reiche) · Ausbau Erneuerbare: „Hält das geplante Ausbautempo für überzogen; fordert „Realitätscheck" und Synchronisierung mit dem Netzausbau." pv-magazine ↗
- BMWK (Reiche) · Technologieoffenheit: „Ein Teil der Kapazität soll technologieoffen ausgeschrieben werden." taz ↗
- EU-Kommission · Neue Gaskraftwerke: „Untersagte 20 GW beihilferechtlich; Verhandlung über rund 12–12,5 GW." ZDFheute ↗
- EU-Kommission · Ausbau Erneuerbare: „Verbindliches EU-Ziel: mindestens 42,5 % Erneuerbare bis 2030 (RED III)." Europäische Kommission ↗
- Umweltverbände · Neue Gaskraftwerke: „Fordern keine weiteren fossilen Kraftwerke." Umweltinstitut ↗
- Umweltverbände · Ausbau Erneuerbare: „Setzen auf konsequenten Ausbau der Erneuerbaren statt neuer fossiler Kraftwerke." Campact ↗
- Umweltverbände · Technologieoffenheit: „Sehen „Technologieoffenheit" skeptisch — als möglichen Vorwand für neue fossile Kapazitäten." Umweltinstitut ↗
Daten als Tabelle anzeigen
| Akteur | Maßnahme | Haltung | Zitat / Beleg |
|---|---|---|---|
| BMWK (Reiche) | Neue Gaskraftwerke | Dafür | Fordert gesicherte Leistung für Dunkelflauten: zunächst ≥20 GW, nach EU-Widerstand 12–12,5 GW. (Quelle: ZDFheute) |
| BMWK (Reiche) | Ausbau Erneuerbare | Differenziert | Hält das geplante Ausbautempo für überzogen; fordert „Realitätscheck" und Synchronisierung mit dem Netzausbau. (Quelle: pv-magazine) |
| BMWK (Reiche) | Technologieoffenheit | Dafür | Ein Teil der Kapazität soll technologieoffen ausgeschrieben werden. (Quelle: taz) |
| EU-Kommission | Neue Gaskraftwerke | Differenziert | Untersagte 20 GW beihilferechtlich; Verhandlung über rund 12–12,5 GW. (Quelle: ZDFheute) |
| EU-Kommission | Ausbau Erneuerbare | Dafür | Verbindliches EU-Ziel: mindestens 42,5 % Erneuerbare bis 2030 (RED III). (Quelle: Europäische Kommission) |
| EU-Kommission | Technologieoffenheit | Unklar / keine Angabe | Keine eindeutige öffentliche Festlegung zu diesem Begriff in dieser Debatte. |
| Umweltverbände | Neue Gaskraftwerke | Dagegen | Fordern keine weiteren fossilen Kraftwerke. (Quelle: Umweltinstitut) |
| Umweltverbände | Ausbau Erneuerbare | Dafür | Setzen auf konsequenten Ausbau der Erneuerbaren statt neuer fossiler Kraftwerke. (Quelle: Campact) |
| Umweltverbände | Technologieoffenheit | Differenziert | Sehen „Technologieoffenheit" skeptisch — als möglichen Vorwand für neue fossile Kapazitäten. (Quelle: Umweltinstitut) |
Der Strommix 2024
Die echten Erzeugungsdaten ordnen die Debatte ein: 2024 war Windkraft mit 136,3 TWh der mit Abstand wichtigste Stromlieferant, gefolgt von Braunkohle (71,1) und Solar (59,7). Erdgas trug 43,6 TWh bei — wichtig vor allem für die gesicherte Leistung, aber kein Schwergewicht im Mix.
- Windkraft136,3 TWh · 33 %
- Braunkohle71,1 TWh · 17 %
- Solar59,7 TWh · 14 %
- Erdgas43,6 TWh · 11 %
- Biomasse37 TWh · 9 %
- Steinkohle23,8 TWh · 6 %
- Wasserkraft22,3 TWh · 5 %
- Sonstige18,5 TWh · 4 %
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| traeger | twh (TWh) | Anteil |
|---|---|---|
| Windkraft | 136,3 | 33,1 % |
| Braunkohle | 71,1 | 17,2 % |
| Solar | 59,7 | 14,5 % |
| Erdgas | 43,6 | 10,6 % |
| Biomasse | 37 | 9,0 % |
| Steinkohle | 23,8 | 5,8 % |
| Wasserkraft | 22,3 | 5,4 % |
| Sonstige | 18,5 | 4,5 % |
Die Wende ist messbar
Im Zeitverlauf wird der Wandel deutlich: Die erneuerbare Erzeugung stieg von 172,7 TWh (2015) auf 255,3 TWh (2024), während die fossile von 277,8 auf 146,3 TWh fiel. Um 2019 zogen die Erneuerbaren erstmals an den Fossilen vorbei. Der Bedarf an gesicherter Leistung für Phasen ohne Wind und Sonne bleibt davon unberührt — genau hier setzen die Gaskraftwerks-Pläne an.
| jahr | bereich | twh (TWh) |
|---|---|---|
| 2015 | Erneuerbare | 172,7 |
| 2016 | Erneuerbare | 173,3 |
| 2017 | Erneuerbare | 199,3 |
| 2018 | Erneuerbare | 206,4 |
| 2019 | Erneuerbare | 225,3 |
| 2020 | Erneuerbare | 234,6 |
| 2021 | Erneuerbare | 219,7 |
| 2022 | Erneuerbare | 233,2 |
| 2023 | Erneuerbare | 249,7 |
| 2024 | Erneuerbare | 255,3 |
| 2015 | Fossile | 277,8 |
| 2016 | Fossile | 283,2 |
| 2017 | Fossile | 266,6 |
| 2018 | Fossile | 251,5 |
| 2019 | Fossile | 208,4 |
| 2020 | Fossile | 179,1 |
| 2021 | Fossile | 201,6 |
| 2022 | Fossile | 209,9 |
| 2023 | Fossile | 158,9 |
| 2024 | Fossile | 146,3 |
Strom ist nur ein Teil des Energiesystems
Die Strommix-Debatte verdeckt leicht, dass Strom nur einen Ausschnitt des Energieverbrauchs ausmacht. Über das gesamte Energiesystem betrachtet dominierten 2023 weiterhin fossile Energieträger: Mineralöl — vor allem im Verkehr — und Erdgas — vor allem für Wärme — stellten zusammen mehr als 60 Prozent des Primärenergieverbrauchs. Der Umbau der Stromerzeugung ist also weit fortgeschritten, der von Wärme und Verkehr steht größtenteils noch bevor.
- Mineralöl3.822 PJ · 36 %
- Erdgas2.655 PJ · 25 %
- Erneuerbare2.107 PJ · 20 %
- Steinkohle931 PJ · 9 %
- Braunkohle895 PJ · 8 %
- Sonstige204 PJ · 2 %
- Kernenergie79 PJ · 1 %
- Stromaustauschsaldo42 PJ · 0 %
- Mineralöl
- Vor allem Kraftstoffe (Benzin, Diesel, Kerosin) und Heizöl.
- Erdgas
- Heizen, Industrieprozesse und Stromerzeugung.
- Erneuerbare
- Windkraft, Solarenergie, Biomasse und Wasserkraft.
- Steinkohle
- Importierte Kohle für Kraftwerke und die Stahlindustrie.
- Braunkohle
- Heimische Kohle, überwiegend zur Stromerzeugung.
- Sonstige
- Abfälle und sonstige Energieträger.
- Kernenergie
- Reststrom aus Kernkraft; der Ausstieg erfolgte Mitte April 2023.
- Stromaustauschsaldo
- Saldo aus Strom-Importen und -Exporten.
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| traeger | pj (PJ) | Anteil | Enthält |
|---|---|---|---|
| Mineralöl | 3.822 | 35,6 % | Vor allem Kraftstoffe (Benzin, Diesel, Kerosin) und Heizöl. |
| Erdgas | 2.655 | 24,7 % | Heizen, Industrieprozesse und Stromerzeugung. |
| Erneuerbare | 2.107 | 19,6 % | Windkraft, Solarenergie, Biomasse und Wasserkraft. |
| Steinkohle | 931 | 8,7 % | Importierte Kohle für Kraftwerke und die Stahlindustrie. |
| Braunkohle | 895 | 8,3 % | Heimische Kohle, überwiegend zur Stromerzeugung. |
| Sonstige | 204 | 1,9 % | Abfälle und sonstige Energieträger. |
| Kernenergie | 79 | 0,7 % | Reststrom aus Kernkraft; der Ausstieg erfolgte Mitte April 2023. |
| Stromaustauschsaldo | 42 | 0,4 % | Saldo aus Strom-Importen und -Exporten. |
Wohin das Erdgas wirklich fließt
Beim Erdgas zeigt der Verbrauch nach Bereichen, worum es bei den Gaskraftwerken geht — und worum nicht. 2023 floss der weitaus größte Teil des inländischen Erdgasabsatzes in die Industrie und in die Wärmeversorgung der Haushalte. Die Stromversorgung erhielt nur rund 13 Prozent. Neue Gaskraftwerke betreffen damit einen kleinen, aber für die gesicherte Leistung in Dunkelflauten wichtigen Teil des Gassystems.
Daten als Tabelle anzeigen
| von | nach | twh (TWh) | Anteil |
|---|---|---|---|
| Erdgas | Industrie | 246,6 | 34,2 % |
| Erdgas | Private Haushalte | 229 | 31,7 % |
| Erdgas | Gewerbe/Handel/Dienstl. | 99,4 | 13,8 % |
| Erdgas | Stromversorgung | 96,5 | 13,4 % |
| Erdgas | Fernwärme/Kälte | 48,1 | 6,7 % |
| Erdgas | Verkehr | 2,2 | 0,3 % |
„Mehrere Dinge können gleichzeitig richtig sein: gesicherte Leistung für die Dunkelflaute, der weitere Ausbau der Erneuerbaren und das Offenhalten technologieoffener Optionen."