Atomkraft: Was würde ein Wiedereinstieg kosten und wie lange würde er dauern?
Nach dem Atomausstieg im April 2023 wird wieder über eine Rückkehr zur Kernkraft gestritten. Die vorliegenden Zahlen zeigen, was neuer Atomstrom kostet (Fraunhofer ISE: 13,6 bis 49 Cent je Kilowattstunde, teurer als Wind, Solar und Gas) und wie lange ein Neubau dauert (die jüngsten westeuropäischen Projekte: 17 bis 18 Jahre). Eine Reaktivierung der stillgelegten Meiler wäre nach einer Befürworter-Studie deutlich billiger (rund 37 Euro je Megawattstunde, weil die Baukosten bereits versenkt sind und daher nicht mit den Neubau-Werten vergleichbar) und bis 2031 machbar, zwischen Befürwortern und Betreibern aber umstritten. Kanzler Merz nennt den Ausstieg „irreversibel“, die EU-Kommission wirbt für eine „Renaissance der Kernenergie“.
Von GURT-Redaktion · 12. Juli 2026
Worum es geht
Seit dem Atomausstieg wird wieder über eine Rückkehr zur Kernkraft gestritten. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen nannte die Abkehr im März 2026 einen „strategischen Fehler“ und warb für eine „Renaissance der Kernenergie“; Bundeskanzler Friedrich Merz hält den deutschen Ausstieg dagegen für „irreversibel“. Hinter dem Streit stehen zwei konkrete Fragen: Was würde Atomstrom kosten, und wie lange würde ein Wiedereinstieg dauern?
Deutschland schaltete seine letzten drei Reaktoren am 15. April 2023 ab (Isar 2, Emsland, Neckarwestheim 2), drei weitere folgten schon Ende 2021. Alle sind heute im Rückbau, der Ausstieg steht im Atomgesetz. Für eine Rückkehr gibt es zwei Wege: die stillgelegten Meiler reaktivieren oder neue Reaktoren bauen. Beide führen zu sehr unterschiedlichen Zahlen.
Was der Atomstrom kosten würde
Der einfachste Maßstab sind die Stromgestehungskosten, also was eine Kilowattstunde über die Lebensdauer eines Kraftwerks kostet, ohne System- und Netzkosten. Das Fraunhofer-Institut ISE hat sie 2024 erstmals auch für neue Kernkraftwerke berechnet: Sie liegen zwischen 13,6 und 49,0 Cent je Kilowattstunde, die höchste und mit Abstand breiteste Spanne aller Techniken. Wind und Photovoltaik kommen auf 4 bis 10 Cent, Erdgas auf 11 bis 18. An ihrer Obergrenze ist neue Kernkraft damit die teuerste aller Techniken der Studie, und auch am unteren Rand liegt sie über Wind und Solar; teurer wären nur Kohlekraftwerke, die wegen des Kohleausstiegs nicht mehr als Neubau-Option gelten.
| Technologie | Untere Spanne (ct/kWh) | Obere Spanne (ct/kWh) |
|---|---|---|
| TechnologieNeue Kernkraft | Untere Spanne (ct/kWh)13,6 | Obere Spanne (ct/kWh)49,0 |
| TechnologieErdgas (GuD) | Untere Spanne (ct/kWh)10,9 | Obere Spanne (ct/kWh)18,1 |
| TechnologieWind offshore | Untere Spanne (ct/kWh)5,5 | Obere Spanne (ct/kWh)10,3 |
| TechnologieWind onshore | Untere Spanne (ct/kWh)4,3 | Obere Spanne (ct/kWh)9,2 |
| TechnologiePV Freifläche | Untere Spanne (ct/kWh)4,1 | Obere Spanne (ct/kWh)6,9 |
Der Grund sind vor allem die hohen Bau- und Kapitalkosten, die über Jahre gebunden sind, sowie die Kosten der Entsorgung: Rückbau und Entsorgung des bereits vorhandenen Atommülls veranschlagt der amtliche Kostenbericht bis 2099 auf rund 170 Milliarden Euro (weitgehend unabhängig von neuen Reaktoren); ein Endlager gibt es bislang nicht. Der Betreiber EnBW verweist darauf, dass Kernkraft über die Zeit teurer geworden ist, während die Kosten von Wind und Solar stark gefallen sind. Befürworter halten dem entgegen, dass die Stromgestehungskosten nur die reine Erzeugung erfassen: Netze, Backup und Speicher, die schwankende Erneuerbare zusätzlich brauchen, blieben außen vor, und Kernkraft liefere planbare, wetterunabhängige Leistung.
Wie lange und wie teuer ein Neubau wäre
Wer neu bauen will, muss mit langen Zeiträumen rechnen. Die drei jüngsten Reaktorprojekte Westeuropas waren ursprünglich auf vier bis fünf Jahre Bauzeit angelegt, überschritten Zeit- und Kostenrahmen aber deutlich: Finnlands Olkiluoto 3 ging erst nach 18 Jahren in den Regelbetrieb (Netzanschluss 2022), Frankreichs Flamanville 3 nach 17, und Großbritanniens Hinkley Point C ist seit 2017 im Bau und frühestens Anfang der 2030er Jahre fertig. Die Kosten vervielfachten sich jeweils; Hinkley Point C umfasst dabei zwei Reaktorblöcke.
| Projekt | Land | Geplant | Tatsächlich | Bauzeit |
|---|---|---|---|---|
| ProjektOlkiluoto 3 | LandFinnland | Geplant3,2 Mrd. € | Tatsächlichrund 11 Mrd. € | Bauzeit2005–2023 (18 Jahre) |
| ProjektFlamanville 3 | LandFrankreich | Geplant3,3 Mrd. € | Tatsächlichrund 13 Mrd. € | Bauzeit2007–2024 (17 Jahre) |
| ProjektHinkley Point C | LandVereinigtes Königreich | Geplantrund 21 Mrd. € | Tatsächlichrund 55 Mrd. € | Bauzeitseit 2017, Netz frühestens 2030er |
Ein neuer Reaktor in Deutschland wäre auf dieser Basis frühestens in den späten 2030er oder in den 2040er Jahren am Netz, also nahe an der Zielmarke Klimaneutralität 2045. Für die Strompreise und Klimaziele der nächsten Jahre läge ein Neubau damit außerhalb des Zeitfensters; Befürworter verweisen auf die lange Laufzeit der Reaktoren danach und auf neue, kleinere Reaktortypen.
Und die abgeschalteten Meiler? Der Streit um den Wiedereinstieg
Schneller und billiger ginge es theoretisch mit den stillgelegten Anlagen, weil deren Bau längst bezahlt ist. Eine Studie der US-Organisation Radiant Energy Group und des deutschen Vereins Nuklearia kam Ende Juni 2026 zu dem Schluss, fünf Reaktoren ließen sich bis 2031 reaktivieren, zu Stromkosten um 37 Euro je Megawattstunde (rund 3,7 Cent je Kilowattstunde) und Reaktivierungskosten von rund 8,5 Milliarden Euro (etwa 1,7 Milliarden je Reaktor), sofern der Rückbau sofort gestoppt, das Atomgesetz geändert und die Haftung neu geregelt werde. Diese 3,7 Cent sind allerdings nicht mit den Stromgestehungskosten oben vergleichbar, auch nicht mit Wind und Solar: Sie klammern die bereits versenkten Baukosten aus und stammen aus einer Studie von Kernkraft-Befürwortern.
Die früheren Betreiber widersprechen deutlich, sind dabei aber ebenfalls Partei: Sie haben die Anlagen abgeschrieben, trügen bei einer Reaktivierung Haftungs- und Kostenrisiken und bauen ihr eigenes Geschäft mit Erneuerbaren aus. EnBW nennt den Rückbau „praktisch irreversibel“, RWE-Chef Markus Krebber hält eine Rückkehr für „sehr unrealistisch“, E.ON-Chef Leonhard Birnbaum sagt, das Thema sei „durch“. Ihr Haupteinwand ist weniger der Stückpreis als die Machbarkeit: Es fehlten Genehmigungen, Personal und nicht mehr gefertigte Bauteile, der Brennstoff sei entladen; je nach Rückbaustand rechnen sie mit ein bis drei Milliarden Euro pro Anlage allein für eine Reaktivierung. Auch Kanzler Merz, der den Ausstieg bedauert, nennt ihn „irreversibel“.
Wie darüber gestritten wird
Zwischen „strategischem Fehler“ und „das Thema ist durch“ liegt ein weites Feld. Die folgenden Stimmen spannen es auf.