Wo Bildungsungleichheit sichtbar wird: Elternhaus, Schule und Förderung

Welche weiterführende Schule ein Kind besucht, hängt in Deutschland weiterhin stark von seiner sozialen Herkunft ab. Kinder aus einkommensstarken und bildungsnahen Familien wechseln häufiger auf ein Gymnasium, auch bei vergleichbaren schulischen Leistungen. Zugleich unterscheiden sich Schulen erheblich in den personellen und pädagogischen Ressourcen, die ihnen zur Verfügung stehen. Umstritten ist, inwieweit gezielte Förderung diese Unterschiede ausgleichen kann.

Von GURT-Redaktion · 25. Juli 2026

Worum es geht

Der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg ist in Deutschland seit Langem messbar. Umstritten ist weniger, ob er besteht, als an welchen Stellen er sich zeigt und wie er sich verringern ließe. Mit sozialer Herkunft ist dabei die soziale und wirtschaftliche Stellung des Elternhauses gemeint, üblicherweise gemessen an Bildungsabschluss, Beruf und Einkommen der Eltern.

Dieser Beitrag verfolgt den Zusammenhang entlang dreier Stationen. Am Elternhaus: Wie stark hängt es vom Zuhause ab, ob ein Kind die schulischen Grundlagen erreicht und auf ein Gymnasium wechselt? An der Schule: Unterscheiden sich Schulen in den Lehrkräften und Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen, und trifft das dieselben Kinder? Und an der Förderung: Kann gezielte Unterstützung die Unterschiede ausgleichen? Die Antworten stützen sich auf Schulleistungsstudien, den nationalen Bildungsbericht und amtliche Statistiken; die verwendeten Maße und ihre Grenzen nennt die Methodik.

Das Elternhaus

Am Anfang steht eine Voraussetzung, die für jeden Bildungsweg gilt: sicher lesen, schreiben und rechnen. Der IQB-Bildungstrend prüft am Ende der vierten Klasse, wie viele Kinder den Mindeststandard verfehlen, also die Schwelle, unter der der Anschluss in der weiterführenden Schule als gefährdet gilt.

Verhältnis (je 100)
Anteil der Viertklässler, der 2021 den Mindeststandard verfehlte, je 100 Kinder. Der Mindeststandard markiert die kritische Schwelle für den Anschluss. Quelle: IQB-Bildungstrend 2021 (Ende Klasse 4).Quelle: IQB-Bildungstrend 2021 (Stanat u. a., Hrsg., Waxmann 2022), Ende Klasse 4

Rund ein Fünftel der Kinder erreicht diese Schwelle nicht. Die Quote ist nach Ländern und Geschlecht ausgewiesen, nicht nach Herkunft; sie sagt also noch nichts darüber, welche Kinder es betrifft. Deutlicher wird der Zusammenhang mit dem Elternhaus am nächsten Schritt, dem Übergang auf eine weiterführende Schule. Für ihn hat der nationale Bildungsbericht 2024 Kinder mit vergleichbaren Noten und Leistungen verglichen und nur nach der Herkunft getrennt.

Anteilsvergleich
Gymnasialübergang bei gleichen Noten und Leistungen, nach sozioökonomischer Herkunft, je 100 Kinder. Verglichen werden gleich leistungsstarke Kinder. Quelle: Bildungsbericht 2024 (Abb. D2-2, Sonderauswertung IQB-Bildungstrend 2021).Quelle: Bildung in Deutschland 2024 (Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung), Indikator D2, Abb. D2-2

Bei vergleichbarer Leistung wechseln mehr Kinder aus sozial privilegierten als aus benachteiligten Familien auf ein Gymnasium, 58 gegenüber 44 von 100. Der Unterschied beruht also nicht allein auf der gezeigten Leistung. Als mögliche Gründe werden die Empfehlungen der Lehrkräfte, die Erwartungen der Eltern und das Schulangebot vor Ort diskutiert; die Daten zeigen den Zusammenhang, benennen aber nicht abschließend seine Ursachen. Denselben Zusammenhang findet die Grundschulstudie IGLU: Bei gleicher Lesekompetenz und gleichen kognitiven Grundfähigkeiten ist die Chance auf eine Gymnasialempfehlung der Lehrkraft für Kinder aus Arbeiterfamilien rund 2,5-mal geringer als für Kinder aus der oberen Dienstklasse.

Im internationalen Vergleich fällt dieser Zusammenhang in Deutschland stärker aus als in vielen anderen Ländern. Nach der PISA-Studie 2022 erklärt der sozioökonomische Status hier 18,7 Prozent der Unterschiede in den Mathematikleistungen, im Durchschnitt der OECD-Staaten 15,5 Prozent. Der Zusammenhang erklärt in Deutschland also mehr, und die Spanne zwischen dem oberen und dem unteren Sozialviertel ist größer; der Leistungsabstand je Statusstufe entspricht dagegen dem OECD-Durchschnitt.

Die Schule

Die zweite Station ist die Schule selbst. Schulen unterscheiden sich erheblich darin, wer vor der Klasse steht. Wo Lehrkräfte fehlen, unterrichten mehr Personen ohne abgeschlossenes Lehramtsstudium, sogenannte Seiteneinsteiger. Ihr Anteil an den Neueinstellungen fiel 2022 zwischen den Ländern sehr unterschiedlich aus.

Verteilung (Beeswarm)
Beeswarm-Diagramm: Anteil der Seiteneinsteiger an allen neu eingestellten Lehrkräften 2022, je ein Punkt pro Bundesland (KMK). Das Gefälle ist groß und folgt einer Ost-West-Linie: In Sachsen-Anhalt kam fast jede zweite Neueinstellung ohne Lehramtsabschluss (46,9 Prozent), ähnlich in Brandenburg (38,8), Mecklenburg-Vorpommern (37,5) und Thüringen (26,1). In den meisten westdeutschen Ländern liegt der Anteil im niedrigen einstelligen Bereich, in Rheinland-Pfalz bei 0,9 Prozent. Bundesweit waren es 9,4 Prozent (ostdeutsche Flächenländer 28,2, westdeutsche 5,1). Bayern meldete keinen Wert. Eine gestrichelte Linie markiert den Bundeswert.
LandQuote (%)
Sachsen-Anhalt46,9
Brandenburg38,8
Mecklenburg-Vorpommern37,5
Thüringen26,1
Berlin18,1
Baden-Württemberg10,6
Schleswig-Holstein8,5
Nordrhein-Westfalen8,1
Bremen6,3
Hamburg4,1
Sachsen3,8
Saarland2,2
Niedersachsen2
Hessen1,8
Rheinland-Pfalz0,9
Anteil der Seiteneinsteiger an den Neueinstellungen von Lehrkräften 2022, je ein Punkt pro Bundesland; gestrichelt der Bundeswert (9,4 %). Sachsen-Anhalt ist der höchste Wert (46,9 %), Rheinland-Pfalz der niedrigste (0,9 %). Der Bundeswert bezieht sich auf die meldenden Länder; Bayern wies keinen Wert aus. Diese Quote misst Neueinstellungen, nicht den Gesamtbestand. Quelle: KMK, Einstellung von Lehrkräften 2022 (Dokumentation Nr. 236, Tab. 1.16).Quelle: KMK — Einstellung von Lehrkräften 2022 (Dokumentation Nr. 236), Tabelle 1.16

In einigen ostdeutschen Ländern kam 2022 fast die Hälfte der neu eingestellten Lehrkräfte ohne Lehramtsabschluss, in mehreren westdeutschen Ländern nur ein niedriger einstelliger Anteil. Diese Quote misst allerdings nur die Neueinstellungen eines Jahres. Über alle Lehrkräfte an allgemeinbildenden Schulen gerechnet hatten 2023/24 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 10,5 Prozent keine anerkannte Lehramtsprüfung, gegenüber 4,5 Prozent im Jahr 2015. Neueinstellung und Bestand sind unterschiedliche Maße und nicht direkt vergleichbar.

Für die Frage nach Ungleichheit ist entscheidend, an welchen Schulen diese Kräfte unterrichten. Eine Längsschnittstudie an brandenburgischen Grundschulen zeigt, dass die Zahl der Lehrkräfte ohne Lehramtsstudium zwischen 2016/17 und 2019/20 im Schnitt von 1,5 auf 2,9 je Schule stieg, und zwar stärker an Schulen in Einzugsgebieten mit vielen Familien in Grundsicherung. Die Studie stellt diesen Zusammenhang fest; sie belegt nicht, dass die soziale Lage die alleinige Ursache ist. Der Mangel an ausgebildetem Personal trifft damit tendenziell die Schulen, an denen der Unterstützungsbedarf am größten ist.

Die Förderung

Die dritte Station ist die Förderung. In den ersten beiden Stationen zeigte sich der Zusammenhang zweimal: beim Übergang, der nicht allein der Leistung folgt, und bei der Ausstattung der Schulen, die dort am dünnsten ist, wo der Bedarf am größten ist. Daran schließt die Frage an, ob gezielte Unterstützung diese Unterschiede verringern kann. Der Staat versucht es auf mehreren Ebenen.

Das größte Vorhaben ist das Startchancen-Programm. Bund und Länder geben darin von 2024 an über zehn Jahre rund 20 Milliarden Euro, je zur Hälfte, an Schulen mit besonders vielen benachteiligten Kindern. Ausgewählt werden diese Schulen über einen Sozialindex, der vor allem Armut und Migrationsgeschichte der Schülerschaft berücksichtigt. Das Geld fließt zu 40 Prozent in Ausstattung, zu je 30 Prozent in Schulentwicklung und in zusätzliches Personal wie Schulsozialarbeit. Gestartet ist es im August 2024 mit rund 2.000 Schulen und soll bis zum Schuljahr 2026/27 auf etwa 4.000 wachsen; eine erste Zwischenbilanz ist für 2028 vorgesehen.

Dass die Auswahl über einen Sozialindex läuft, hat einen Grund. Ein früheres Programm, „Aufholen nach Corona“, verteilte 2021 zwei Milliarden Euro breiter. Nach einer Untersuchung des Wissenschaftszentrums Berlin gaben mehrere Länder das Geld nach dem Gießkannenprinzip aus: Schulen in privilegierter Lage erhielten so viel wie belastete, und die besonders förderbedürftigen Kinder wurden kaum erreicht. Das ifo-Institut findet auch über die Länder hinweg keinen systematischen Zusammenhang zwischen der Höhe der Schulausgaben und der Chancengleichheit. Für die Wirkung zählt also weniger das Volumen der Mittel als die Frage, ob sie die richtigen Kinder erreichen.

Ob ein Instrument diese Zielgenauigkeit dauerhaft hält, hängt an seiner Verankerung. Hamburg steuert seit Jahren fest über einen Sozialindex und gibt Schulen in schwieriger Lage bis zu 50 Prozent mehr Lehrkräfte. Berlin führte 2018 eine Zulage von 300 Euro im Monat für Lehrkräfte an Brennpunktschulen ein und strich sie 2025 im Zuge von Sparmaßnahmen wieder. Ein im System verankertes Instrument übersteht Haushaltskrisen eher als eine einzelne Zulage.

Was von diesen Ansätzen die Herkunftsunterschiede tatsächlich verringert, ist unterschiedlich gut belegt. Am deutlichsten ist die Evidenz für gezieltes Mentoring.

Anteilsvergleich
Anteil mit begonnener Ausbildung drei Jahre nach Programmbeginn, nur stark benachteiligte Jugendliche, je 100 Personen. Randomisierter Feldversuch mit dem Mentoring-Programm Rock Your Life. Quelle: Resnjanskij, Ruhose, Wiederhold und Woessmann (IZA Discussion Paper 14097, 2021).Quelle: Resnjanskij, Ruhose, Wiederhold, Woessmann — Can Mentoring Alleviate Family Disadvantage in Adolescence? (IZA DP 14097, 2021)

In diesem randomisierten Feldversuch verbesserte ein einjähriges ehrenamtliches Eins-zu-eins-Mentoring bei stark benachteiligten Jugendlichen die Mathematiknoten und die Ausbildungsbereitschaft; drei Jahre später hatte sich ihr Anteil in einer Ausbildung mehr als verdoppelt. Bei weniger benachteiligten Jugendlichen zeigte sich kein solcher Effekt. Auch ein früher Kita-Besuch trägt dazu bei, herkunftsbedingte Unterschiede zu verringern, und benachteiligte Kinder profitieren am meisten; nur ist der Zugang zur Kita selbst sozial ungleich. Für die großen Schulprogramme dagegen liegen belastbare Wirkungsbefunde auf die Schülerleistungen bisher kaum vor; sie werden erst in den kommenden Jahren evaluiert.

Über die Hauptursache des Zusammenhangs und den wirksamsten Hebel gehen die Einschätzungen auseinander:

Im Diskurs
Wo liegt die Ursache, und was hilft dagegen?
Wo liegt die Hauptursache des Zusammenhangs, und mit welchen Mitteln ließe er sich verringern?
Dass Herkunft und Bildungserfolg zusammenhängen, bestreiten die folgenden Stimmen nicht. Sie unterscheiden sich darin, wo sie die Hauptursache sehen und welche Mittel sie für wirksam halten. Die Positionen sind sinngemäß wiedergegeben, wörtliche Zitate an der Quelle geprüft; die Interessen der jeweiligen Organisation sind mitzudenken. Stand 2021 bis 2026.
Bildungsökonomie (Ludger Wößmann, ifo)
Der Zusammenhang sei messbar groß und beginne früh: „Unsere Analyse zeigt, wie stark die Chance auf einen Gymnasialbesuch von Elternbildung und Einkommen bestimmt wird.“ Als wirksamste Hebel nennt Wößmann frühkindliche Förderung und gezielte Ressourcen für Schulen in schwieriger Lage.
Schulentwicklung (Stephan Gerhard Huber, JKU Linz)
Entscheidend sei, wie Schulen in schwieriger Lage geführt und gestützt werden. Aus der wissenschaftlichen Begleitung des Programms „impakt schulleitung“ (fünfjähriger Längsschnitt mit Kontrollgruppen): „Besonders geforderte Schulen benötigen eine besondere und auch eine erweiterte Form der Unterstützung.“ Starke Schulleitung und passgenaue Hilfe wirken.
Politik (KMK, Christine Streichert-Clivot)
Der Staat erkennt das Problem an und setzt auf gezielte Förderung: „Der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg ist nach wie vor sehr stark und vielleicht sogar wieder stärker geworden. Das Startchancen-Programm kann dazu beitragen, diesen Zusammenhang aufzubrechen.“ 20 Milliarden Euro über zehn Jahre, verteilt nach einem Sozialindex.
Gewerkschaft (GEW, Anja Bensinger-Stolze)
Die Ursache liege auch im Schulsystem selbst: Die frühe Aufteilung nach Klasse 4 zementiere soziale Unterschiede. „Je weniger Selektion, desto besser kann jedes Kind seine Bildungspotenziale entwickeln.“ Die Gewerkschaft fordert längeres gemeinsames Lernen und mehr Gemeinschaftsschulen.
Philologenverband (DPhV, Susanne Lin-Klitzing)
Nicht weniger, sondern passgenauere Differenzierung helfe benachteiligten Kindern: „Ziel muss es jedoch sein, für jedes Kind die passgenaue Schulart zu finden, die zur Begabung und zur individuellen Lernentwicklung passt.“ Überlasse man den Übergang allein dem Elternwillen, profitierten „erfahrungsgemäß eher ressourcenstarke Familien“; der Verband fordert deshalb verbindlichere Übergangsempfehlungen und hält am gegliederten System und am Gymnasium fest.
Gegenposition (Hartmut Esser, Julian Seuring)
Die Schulstruktur sei nicht der Treiber: „Die grundsätzliche Annahme, dass soziale Ungleichheiten durch eine strikte Aufteilung der Kinder in verschiedene Schulformen verstärkt werden, können wir nicht bestätigen.“ Die entscheidenden Weichen fielen früher, im Elternhaus und in der Grundschulzeit; eine Systemreform allein löse das Problem nicht.
Einordnung: Die Stimmen widersprechen sich weniger im Befund als in der Gewichtung: frühe Förderung und Ressourcen (Wößmann), die Struktur des Schulsystems (die GEW für weniger frühe Trennung, der Philologenverband für passgenaue Schularten), die Führung einzelner Schulen (Huber) oder Ursachen, die schon vor der Schule liegen (Esser/Seuring). Welcher Hebel als der wirksamste gilt, hängt auch davon ab, welches Ziel höher gewichtet wird: möglichst gleiche Startchancen, eine möglichst passgenaue Förderung oder ein möglichst einfaches, einheitliches Verfahren.

Was gesichert ist und was offen bleibt

Der Befund ist an allen drei Stationen derselbe: Der Bildungsweg hängt in Deutschland mit der sozialen Herkunft zusammen, beim Erreichen der Grundlagen, beim Übergang aufs Gymnasium und bei der Ausstattung der Schulen. Wie stark die einzelnen Ursachen wirken und an welcher Stelle ein Eingriff am meisten bewirken würde, zeigen die Daten nicht. Aus der Forschung lässt sich zumindest ein Prinzip ableiten: Nicht die Höhe der Mittel entscheidet, sondern ob sie die richtigen Kinder erreichen. Ob die großen, gerade angelaufenen Programme das leisten, ist noch offen und wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen. Gesichert ist der Zusammenhang; offen bleibt, welche Förderung ihn am wirksamsten verringert und welches Ziel dabei Vorrang haben soll.