Ganztag in der Grundschule: Reicht das Tempo für den Rechtsanspruch?
Ab dem 1. August 2026 hat jedes Kind, das neu eingeschult wird, Anspruch auf Ganztagsbetreuung — acht Stunden, fünf Tage, auch in den Ferien. Bundesweit besuchen 57 von 100 Grundschulkindern heute ein Ganztagsangebot, Eltern wünschen es für 65; zwischen Hamburg (99 Prozent) und Bayern (34 Prozent) liegen Welten. Die Zahlen zeigen, wo Plätze fehlen, wo nicht — und worüber kurz vor dem Start gestritten wird.
Von GURT-Redaktion · 12. Juni 2026
Worum es geht
Im Herbst 2021 hat der Gesetzgeber den Familien ein Versprechen gemacht: Mit dem Ganztagsförderungsgesetz (GaFöG) bekommt jedes Kind, das ab August 2026 eingeschult wird, einen einklagbaren Anspruch auf ganztägige Förderung — acht Zeitstunden an fünf Werktagen, die Unterrichtszeit eingerechnet, und das auch in den Ferien bis auf höchstens vier Wochen Schließzeit. Der Anspruch wächst jedes Jahr um eine Klassenstufe mit; ab dem Schuljahr 2029/30 gilt er für alle Grundschulkinder.
Sieben Wochen vor dem Start lohnt der nüchterne Blick auf die Zahlen. Drei Fragen führen durch den Beitrag: Wo steht das Angebot heute? Wie groß ist die Lücke bis 2029/30 — und wo liegt sie? Und woran könnte das Versprechen in der Praxis scheitern?
Wo das Land steht
Bundesweit besuchten 2024 rund 57 von 100 Kindern im Grundschulalter ein Ganztagsangebot — in einer Ganztagsschule, im Hort oder einer anderen Tageseinrichtung. Der Wunsch der Eltern liegt darüber: Für rund 65 von 100 Kindern hätten sie gern einen Platz. Die Lücke von acht Kindern je 100 klingt überschaubar — sie verteilt sich aber extrem ungleich.
- übrige Kinder
- betreut bzw. gewünscht
Daten als Tabelle anzeigen
| Gruppe | Anteil (von 100) |
|---|---|
| GruppeGanztags betreut (2024) | Anteil (von 100)57 |
| GruppeVon Eltern gewünscht (2024) | Anteil (von 100)65 |
Der Osten und Hamburg erfüllen den Anspruch rechnerisch schon heute
Alle ostdeutschen Länder — Berlin eingeschlossen — und Hamburg betreuen bereits heute gut drei Viertel bis nahezu alle Grundschulkinder ganztags — getragen von gewachsenen Hortsystemen und teils von Landesansprüchen, die über das GaFöG hinausgehen: Sachsen-Anhalt etwa garantiert Betreuung bis zur sechsten Klasse, in Mecklenburg-Vorpommern ist sie für Eltern im Grundsatz beitragsfrei. Am anderen Ende stehen westdeutsche Flächenländer — Schleswig-Holstein bei 42, Bayern bei 34 Prozent. Auch beim Elternbedarf ist die Spreizung groß: Im Saarland wünschen sich Eltern für 74 von 100 Kindern einen Platz, in Bayern für 43.
| Land | Quote (%) |
|---|---|
| LandHamburg | Quote (%)99 |
| LandSachsen | Quote (%)88 |
| LandThüringen | Quote (%)87 |
| LandBerlin | Quote (%)85 |
| LandBrandenburg | Quote (%)84 |
| LandMecklenburg-Vorpommern | Quote (%)78 |
| LandSachsen-Anhalt | Quote (%)77 |
| LandSaarland | Quote (%)63 |
| LandHessen | Quote (%)59 |
| LandBremen | Quote (%)58 |
| LandNiedersachsen | Quote (%)55 |
| LandRheinland-Pfalz | Quote (%)55 |
| LandNordrhein-Westfalen | Quote (%)53 |
| LandBaden-Württemberg | Quote (%)49 |
| LandSchleswig-Holstein | Quote (%)42 |
| LandBayern | Quote (%)34 |
Die Lücke bis 2029/30, und wovon ihre Größe abhängt
Gemessen an den heutigen Elternbedarfen müssten im Westen — außer in Hamburg — bis zum Schuljahr 2029/30 noch rund 149.700 Ganztagsplätze entstehen. Fast ein Drittel entfällt auf Nordrhein-Westfalen, gefolgt von Bayern; relativ zur erwarteten Zahl der Grundschulkinder 2029/30 ist die Lücke in Schleswig-Holstein (10 Prozentpunkte), Bremen (9) und Bayern (8) am größten. Zwei Dinge relativieren die Zahl — in beide Richtungen: Sinkende Kinderzahlen schließen einen Teil der Lücke von selbst, in Bayern und Baden-Württemberg allerdings erst nach dem Höchststand 2027/28. Und: Stiegen die Bedarfe im Westen auf eine Referenzquote von 75 Prozent — ein Niveau noch unter allen Ost-Bedarfswerten, nahe dem Ist-Stand Sachsen-Anhalts (77) und der Bedarfsquote des Saarlands (74) —, läge der Bedarf bei 570.900 Plätzen, allein 204.300 davon in Bayern.
| Land | Plätze | Lücke (Prozentpunkte) |
|---|---|---|
| LandNordrhein-Westfalen | Plätze45.300 | Lücke (Prozentpunkte)7 |
| LandBayern | Plätze42.300 | Lücke (Prozentpunkte)8 |
| LandBaden-Württemberg | Plätze22.400 | Lücke (Prozentpunkte)5 |
| LandHessen | Plätze16.200 | Lücke (Prozentpunkte)7 |
| LandSchleswig-Holstein | Plätze10.400 | Lücke (Prozentpunkte)10 |
| LandRheinland-Pfalz | Plätze6.800 | Lücke (Prozentpunkte)4 |
| LandBremen | Plätze2.400 | Lücke (Prozentpunkte)9 |
| LandSaarland | Plätze2.200 | Lücke (Prozentpunkte)6 |
| LandNiedersachsen | Plätze1.700 | Lücke (Prozentpunkte)1 |
Der wunde Punkt: Ferien und Personal
In den Quoten steckt eine Unschärfe, die im Alltag entscheidend ist: Der Rechtsanspruch umfasst die Ferien — viele Ganztagsangebote im Westen enden aber mit dem Schultag. Der Bundestag verhandelte deshalb im Januar 2026 einen Gesetzentwurf, der Angebote der Jugendarbeit für die Ferienbetreuung öffnen soll; in der Anhörung bezweifelten Fachleute, dass das ohne zusätzliches Personal und Geld trägt. Und der Bund zahlt mit: 3,5 Milliarden Euro für Investitionen, dazu Betriebskostenbeteiligungen von insgesamt 2,49 Milliarden Euro bis 2029 und 1,3 Milliarden jährlich ab 2030 — aus Sicht der Kommunen zu wenig, aus Sicht des Bundes ein dauerhafter Einstieg.