Wer trägt die Steuerlast? Warum die Antwort vom Maßstab abhängt

Die Einkommensteuer ist stark progressiv: 7,4 Prozent der unbeschränkt Steuerpflichtigen mit zu versteuerndem Einkommen tragen knapp die Hälfte ihres Aufkommens. Rechnet man alle Steuerarten zusammen, ist die Belastung nur schwach progressiv und unten sogar regressiv. Rechnet man Transfers mit, sind Haushalte unterhalb der Mitte netto Empfänger; die effektive Grenzbelastung liegt in der Mitte höher als bei hohen Einkommen und ist bei niedrigen Einkommen am höchsten. Alle drei Befunde stimmen, sie messen Verschiedenes. Welcher Maßstab der richtige ist, lässt sich nicht empirisch entscheiden, sondern hängt davon ab, wonach man fragt, und wie folgenreich diese Wahl ist, zeigt sich noch am jüngsten Entlastungspaket.

Von GURT-Redaktion · 18. Juli 2026

Worum es geht

Wenn über Steuern gestritten wird, stehen sich zwei Erzählungen gegenüber: Die einen sagen, Spitzenverdiener trügen ohnehin den Löwenanteil. Die anderen sagen, untere und mittlere Einkommen zahlten anteilig zu viel. Beide berufen sich auf echte Zahlen. Der Grund ist, dass sie unterschiedliche Dinge messen. Dieser Beitrag legt drei gängige Maßstäbe nebeneinander und zeigt, was jeder von ihnen erfasst und was nicht.

Erster Maßstab: die Einkommensteuer allein

Betrachtet man nur die Einkommensteuer, ist das Bild eindeutig. Nach der Lohn- und Einkommensteuerstatistik des Statistischen Bundesamts für das Jahr 2022 zahlten 3,2 Millionen Steuerpflichtige den Spitzensteuersatz von 42 Prozent. Das sind 7,4 Prozent aller unbeschränkt Steuerpflichtigen mit zu versteuerndem Einkommen, und auf sie entfiel knapp die Hälfte des gesamten Einkommensteueraufkommens. Insgesamt weist die Statistik 44 Millionen Steuerpflichtige aus, darunter 36.530 mit einem Gesamtbetrag der Einkünfte von einer Million Euro und mehr. Ein Steuerpflichtiger ist dabei ein Steuerfall: Zusammenveranlagte Ehepaare zählen als einer.

Datentabelle
KennzahlWertBezugsgröße und Datenjahr
Steuerpflichtige44 Mio., Gesamteinkünfte 2.103 Mrd. €alle ausgewiesenen Steuerpflichtigen; 2022
Zahler des Spitzensteuersatzes3,2 Mio. = 7,4 %Anteil an den unbeschränkt Steuerpflichtigen mit zu versteuerndem Einkommen; 2022
Deren Anteil am Einkommensteueraufkommenknapp die Hälfte (49 %)gesamtes Einkommensteueraufkommen; 2022
Einkommensmillionäre36.530Steuerpflichtige mit Gesamteinkünften von 1 Mio. € und mehr; 2022
Kennzahlen zur Einkommensteuer für das Jahr 2022, jeweils mit Bezugsgröße. Quelle: Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 194 vom 10. Juni 2026.Quelle: Statistisches Bundesamt — Pressemitteilung Nr. 194 vom 10. Juni 2026 (Datenjahr 2022)

Zweiter Maßstab: alle Steuern zusammen

Die Einkommensteuer ist aber nicht die ganze Steuerlast. Auf indirekte Steuern, vor allem die Mehrwertsteuer und Energiesteuern, entfielen nach einer Untersuchung des DIW (gefördert von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung) rund 46 Prozent des gesamten Steueraufkommens. Diese Steuern hängen am Konsum, nicht am Einkommen, und belasten deshalb Haushalte mit niedrigen Einkommen anteilig stärker. Entsprechend verschiebt sich das Bild, sobald man alle Steuerarten zusammenrechnet.

Balkendiagramm
Balkendiagramm: Anteil des obersten Einkommensdezils am Aufkommen der jeweiligen Steuergruppe, verglichen mit seinem Anteil am gesamten Haushaltsbruttoeinkommen, in Prozent. Von den direkten Steuern (Einkommensteuer, Solidaritätszuschlag und Unternehmensteuern) trägt das oberste Zehntel 59 Prozent, von den indirekten Steuern wie der Mehrwertsteuer nur 20 Prozent, von allen Steuern zusammen 42 Prozent. Der Referenzbalken zeigt: Auf dasselbe Zehntel entfallen rund 32 Prozent des gesamten Einkommens. Wer alle Steuern zusammennimmt (42 Prozent Aufkommen gegenüber 32 Prozent Einkommen), sieht deshalb nur eine schwache Progression, während die Einkommensteuer allein deutlich stärker nach oben umverteilt. „Steuern insgesamt“ ist dabei kein eigener Steuertyp, sondern das Aggregat über alle erfassten Steuerarten.
BezugsgrößeAnteil des obersten Zehntels (%)
Direkte Steuern59
Indirekte Steuern20
Steuern insgesamt42
Anteil am Einkommen32
Anteil des obersten Einkommensdezils am Aufkommen der jeweiligen Steuergruppe und, als Referenz, an seinem Anteil am gesamten Haushaltsbruttoeinkommen (rund 32 Prozent), in Prozent. Erst dieser Vergleich zeigt, wie stark eine Steuergruppe umverteilt: 42 Prozent aller Steuern bei 32 Prozent des Einkommens bedeutet nur schwache Progression. „Steuern insgesamt“ ist das Aggregat über alle erfassten Steuerarten, kein eigener Steuertyp. Wer indirekte und Unternehmensteuern wirtschaftlich trägt, beruht auf Überwälzungsannahmen, ist also berechnet und nicht beobachtet. Datenbasis auf 2015 fortgeschrieben, Konsumdaten aus der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe 2008. Quelle: DIW Wochenbericht 51+52/2016 (Bach, Beznoska, Steiner; gefördert von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung).Quelle: DIW Wochenbericht 51+52/2016 — Wer trägt die Steuerlast in Deutschland? Steuerbelastung nur schwach progressiv

Das Ergebnis der Studie: Über alle Steuerarten hinweg ist die Belastung nur schwach progressiv, in den unteren Dezilen wirkt sie sogar regressiv. Der Belastungsverlauf über die zehn Einkommensdezile zeigt das direkt.

Liniendiagramm
Liniendiagramm der gesamten Steuerlast (direkte und indirekte Steuern, ohne Sozialbeiträge) in Prozent des Haushaltsbruttoeinkommens, für die zehn Einkommensdezile. Das unterste Zehntel zahlt 23,1 Prozent, das zweite und dritte nur noch 18,6 und 17,5 Prozent: In den unteren Dezilen sinkt die Belastung mit steigendem Einkommen, wirkt also regressiv. Erst danach steigt sie wieder an, bis auf 31,2 Prozent im obersten Zehntel. Über alle Dezile hinweg ist die Belastung damit nur schwach progressiv; der Durchschnitt liegt bei 24,1 Prozent. Ursache der hohen Last unten sind die indirekten Steuern, die am Konsum hängen und niedrige Einkommen anteilig stärker treffen.
Einkommensdezil (1 = niedrig, 10 = hoch)Steuerlast (% des Haushaltsbruttoeinkommens)
123,1
218,6
317,5
418
517,8
619,1
720,5
822,5
924,2
1031,2
Steuern insgesamt (direkte und indirekte, ohne Sozialbeiträge) in Prozent des Haushaltsbruttoeinkommens je Einkommensdezil; Durchschnitt 24,1 Prozent. Die fallenden Werte in den unteren Dezilen sind die Regressivität, von der im Text die Rede ist. Wer indirekte und Unternehmensteuern wirtschaftlich trägt, beruht auf Überwälzungsannahmen. Datenbasis auf 2015 fortgeschrieben, Konsumdaten aus der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe 2008. Quelle: DIW Wochenbericht 51+52/2016 (Bach, Beznoska, Steiner; gefördert von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung), Tabelle 3.Quelle: DIW Wochenbericht 51+52/2016 — Wer trägt die Steuerlast in Deutschland? Steuerbelastung nur schwach progressiv

Zwei Einschränkungen sind wichtig. Erstens ist die Datenbasis alt: Die Ergebnisse sind zwar auf 2015 fortgeschrieben, die für die Regressivität entscheidenden Konsumdaten stammen aber aus der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe von 2008. Eine gleichwertige neuere Analyse über sämtliche Steuerarten liegt nicht vor. Zweitens ist die Aufteilung keine Beobachtung, sondern eine Rechnung: Wer indirekte Steuern und Unternehmensteuern wirtschaftlich trägt, hängt von Überwälzungsannahmen ab. Die Studie selbst hält fest, dass einbehaltene Unternehmensgewinne nicht erfasst sind und ihre Aussagen deshalb gerade für sehr reiche Haushalte unvollständig bleiben.

Dritter Maßstab: Steuern und Transfers zusammen

Ein drittes Bild ergibt sich, wenn man nicht nur fragt, wer zahlt, sondern auch, wer empfängt. Eine Studie des ifo Instituts im Auftrag der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung hat 2023 das gesamte Steuer- und Transfersystem für den Rechtsstand 2022 durchgerechnet, auf Einkommensdaten von 2019. Danach sind Haushalte unterhalb der Mittelschicht weitgehend Netto-Transferempfänger: Sie erhalten mehr Leistungen, als sie an Steuern und Sozialabgaben zahlen. Ob das auch für die untere Mittelschicht gilt, hängt davon ab, ob man die gesetzliche Rente als Transfer oder als Einkommen zählt. Nach dieser Studie tragen die Mittelschicht und die hohen Einkommen die Umverteilung netto.

Auffällig ist ein zweiter Befund, den die Studie an einer Modellrechnung für einen erwerbstätigen Single-Haushalt zeigt: Von einem zusätzlich verdienten Euro bleiben in der Mitte effektiv nur rund 50 Prozent, und diese effektive Grenzbelastung liegt dort im Durchschnitt höher als bei hohen Einkommen. Am höchsten ist sie allerdings bei niedrigen Einkommen: Dort wurden 2022 bis zu 80 bis 100 Prozent eines Hinzuverdienstes über wegfallende Transfers wieder abgeschmolzen. Zu beachten ist auch, dass dieser Maßstab Sozialbeiträge einschließt, die der zweite Maßstab ausklammert. Was in der Studie „Mittelschicht“ heißt, ist über das Medianeinkommen abgegrenzt und nicht deckungsgleich mit den Einkommensdezilen der anderen Maßstäbe; die Grenzen stehen in der Methodik.

Datentabelle
MaßstabWas gemessen wirdBefundQuelle, Grundgesamtheit und Jahr
Einkommensteuer alleinWer wie viel Einkommensteuer zahlt; Sozialbeiträge bleiben außen vorStark progressiv: 7,4 % der unbeschränkt Steuerpflichtigen mit zu versteuerndem Einkommen tragen 49 % des AufkommensDestatis; je Steuerpflichtigem (Ehepaare zusammenveranlagt = ein Fall); Datenjahr 2022
Alle Steuern zusammenDirekte und indirekte Steuern, also auch Mehrwert- und Energiesteuern; ohne SozialbeiträgeNur schwach progressiv, in den unteren Dezilen regressiv; oberstes Zehntel trägt 42 % bei 32 % des EinkommensDIW; Haushaltsdezile; fortgeschrieben auf 2015, Konsumdaten 2008
Steuern und TransfersNetto-Position im Steuer- und Transfersystem, inklusive SozialbeiträgenUnterhalb der Mitte netto Transferempfänger; effektive Grenzbelastung in der Mitte rund 50 %, höher als bei hohen und am höchsten bei niedrigen Einkommenifo für die Hanns-Seidel-Stiftung; Netto-Position aus SOEP-Haushalten (2019), Grenzbelastung aus einer Modellrechnung für einen Single-Haushalt (Rechtsstand 2022)
Drei Maßstäbe, drei Antworten auf dieselbe Frage. Die Befunde widersprechen sich nicht, sie messen Verschiedenes: andere Steuerarten, andere Grundgesamtheiten, andere Jahre. Sie sind deshalb nicht ineinander umrechenbar. Die beiden internationalen Kennzahlen weiter unten stehen bewusst außerhalb dieses Schemas, weil sie das Land insgesamt und nicht einzelne Einkommensgruppen messen.Quelle: GURT — eigene Gegenüberstellung; Einzelquellen je Zeile ausgewiesen

Zur Einordnung, wie Deutschland insgesamt dasteht, kommen zwei gesamtwirtschaftliche Kennzahlen hinzu. Sie gehören bewusst nicht zu den drei Maßstäben, weil sie nicht einzelne Einkommensgruppen messen, sondern das Land als Ganzes: die Abgabenquote und den Steuer- und Abgabenkeil.

Datentabelle
KennzahlWertBezugsgröße und Datenjahr
Abgabenquote38,1 %Steuern und Sozialbeiträge in Prozent des BIP; oberes Mittelfeld der OECD; 2023
Steuer- und Abgabenkeil47,9 %Anteil an den Arbeitskosten inkl. Arbeitgeberbeiträgen, Alleinstehende mit Durchschnittsverdienst ohne Kinder; zweithöchster Wert der 28 betrachteten OECD-Staaten, hinter Belgien (52,6 %); 2024
Zwei gesamtwirtschaftliche Kennzahlen zur Einordnung, bewusst außerhalb des Drei-Maßstäbe-Schemas: Sie beziehen sich nicht auf einzelne Einkommensgruppen, sondern auf das Land insgesamt. Quelle: Bundesfinanzministerium, Monatsbericht August 2025, nach Zahlen der OECD.Quelle: BMF-Monatsbericht August 2025 — Die wichtigsten Steuern im internationalen Vergleich (nach OECD)

Warum die Zahlen auseinandergehen

Die drei Befunde widersprechen sich nicht. Sie beantworten verschiedene Fragen. Wer nur die Einkommensteuer betrachtet, misst ein bewusst progressiv gebautes Instrument. Wer alle Steuern addiert, nimmt den regressiv wirkenden Konsumanteil hinzu. Wer Transfers mitrechnet, misst nicht mehr die Steuerlast, sondern die Netto-Position im Sozialstaat. Hinzu kommt der Unterschied zwischen Durchschnitts- und Grenzbelastung, unterschiedliche Grundgesamtheiten (Steuerpflichtige gegen Haushaltsdezile) und Bezugsjahre, die von 2008 bis 2022 reichen.

Für die Debatte heißt das: Beide Lager können mit korrekten Zahlen gegensätzliche Geschichten erzählen, solange offenbleibt, welcher Maßstab gemeint ist. Welcher der richtige ist, lässt sich nicht empirisch klären, sondern hängt davon ab, wonach man fragt: nach Leistungsfähigkeit, nach der Netto-Position im Sozialstaat oder nach dem Anreiz, zusätzlich zu arbeiten.

Im Bundestag gibt es dazu einen Vorstoß. Die Fraktion Die Linke fordert in einem Antrag vom 5. Februar 2026, § 44 der Gemeinsamen Geschäftsordnung der Bundesministerien zu ergänzen: Steuerliche Gesetzentwürfe sollen künftig schätzen, welcher Anteil der Mehr- oder Mindereinnahmen auf Unternehmen und welcher auf Privathaushalte entfällt, für die Haushalte aufgeschlüsselt nach Einkommensdezilen sowie für die reichsten 5, 1 und 0,1 Prozent. Bisher verlangt § 44 Angaben zu Haushaltswirkungen und Erfüllungsaufwand, nicht aber zur Verteilungswirkung.

Aktuell ist nicht ersichtlich, inwiefern beispielsweise Personen mit niedrigen oder hohen Einkommen durch ein Gesetz be- oder entlastet werden.
Bundestags-Drucksache 21/4004 vom 5. Februar 2026, Antrag der Fraktion Die Linke

Über den Antrag der Oppositionsfraktion war bis zum Redaktionsschluss im Juli 2026 nicht entschieden. Er würde die Maßstabsfrage auch nicht beantworten, sondern nur festlegen, welche Größe künftig auszuweisen wäre. Gegen eine solche Pflicht lässt sich einwenden, dass sie zusätzlichen Aufwand schafft und dass ihr Ergebnis von eben den Überwälzungsannahmen abhängt, an denen sich die vorliegenden Studien unterscheiden. Wie heikel dieser Punkt ist, zeigt der Antrag selbst: Er verlangt zusätzlich, die Methodik der Steuerinzidenz offenzulegen.

Welche Verteilungsangaben das Entlastungspaket liefert

Kurz nach dem Antrag lieferte die Regierung selbst eine Verteilungsdarstellung, wenn auch in anderer Form. Am 2. Juli 2026 einigte sich der Koalitionsausschuss auf ein Entlastungspaket von rund zehn Milliarden Euro im Jahr: höherer Grundfreibetrag, höherer Kinderfreibetrag, mehr Kindergeld, höherer Arbeitnehmerpauschbetrag, ein später greifender Spitzensteuersatz ab 70.600 Euro, dazu ein früher greifender Höchststeuersatz von 45 Prozent (ab 250.000 statt bisher rund 278.000 Euro) und ein neuer Satz von 47 Prozent ab 280.000 Euro, ein geringerer Abzug für Handwerkerleistungen und eine von zwei auf fünf Prozent steigende Minijob-Pauschale. Das Bundesfinanzministerium legte dazu offen, wen die Entlastung wie stark trifft.

Datentabelle
Haushalt (2 Kinder)Brutto im MonatEntlastung 2028 im JahrAnteil am Bruttojahreseinkommen (GURT)
Pflegekraft und Busfahrer/in5.600 € (je 2.800 €)rund 632 €0,94 %
Erzieher/in und Elektriker/in6.400 € (je 3.200 €)rund 642 €0,84 %
Lehrer/in und Ingenieur/in10.000 € (je 5.000 €)rund 678 €0,57 %
Alleinerziehend, Pflegekraft2.800 €rund 468 €1,39 %
Alleinerziehend, Erzieher/in3.200 €rund 471 €1,23 %
Alleinerziehend, Lehrer/in5.000 €rund 496 €0,83 %
So stellt das Bundesfinanzministerium die Wirkung der Entlastung dar: sechs Modellhaushalte, alle mit zwei Kindern. Angegeben ist die geschätzte Entlastung im Jahr 2028, jeweils für ein ganzes Jahr. Die letzte Spalte ist eine GURT-Berechnung: die Entlastung als Anteil am Bruttojahreseinkommen (Monatsbrutto mal zwölf). Sie macht sichtbar, was die BMF-Übersicht offenlässt — dass die relativ größte Entlastung nicht beim höchsten Einkommen ankommt. Für Alleinstehende und Haushalte ohne Kinder nennt die Übersicht keine Werte, ebenso wenig eine Aufschlüsselung nach Einkommensdezilen. Gegen welchen Rechtsstand und mit welcher Annahme zur Lohnentwicklung bis 2028 gerechnet wird, weist die Übersicht nicht aus. Quelle: Bundesfinanzministerium, Einigung des Koalitionsausschusses vom 2. Juli 2026; Prozentwerte GURT.Quelle: BMF — Koalitionsausschuss: Einigung auf Steuerentlastung (2. Juli 2026); Prozentspalte: GURT-Berechnung

Auch diese Darstellung trifft eine Maßstabsentscheidung. Die Übersicht rechnet mit sechs Modellhaushalten, die alle zwei Kinder haben; Alleinstehende und Haushalte ohne Kinder kommen darin nicht vor, und statt nach Einkommensdezilen ordnet sie nach Berufsbildern. Auch die beiden Maßnahmen, die nicht entlasten, sondern belasten, tauchen in der Tabelle nicht auf: der früher greifende Höchststeuersatz am oberen Ende und die höhere Minijob-Pauschale am unteren.

Hinzu kommt, dass die Beträge, aufs Jahr und aufs Einkommen bezogen, nah beieinander liegen. Ein Paar mit 5.600 Euro brutto im Monat, gut 67.000 Euro im Jahr, wird 2028 um rund 632 Euro entlastet, das sind 0,9 Prozent seines Bruttoeinkommens. Ein Paar mit 10.000 Euro im Monat erhält 678 Euro, aber nur 0,6 Prozent. In absoluten Euro bekommt der besserverdienende Haushalt also etwas mehr, gemessen am Einkommen weniger. Am stärksten entlastet die Reform, gemessen am Einkommen, die alleinerziehende Pflegekraft mit dem niedrigsten Einkommen: Für sie sind 468 Euro 1,4 Prozent. Welcher der Vergleiche der aussagekräftigere ist, entscheidet wieder der Maßstab, und die Übersicht legt sich darauf nicht fest.

Was die Quellen jeweils messen

Die vier Quellen stehen für die verschiedenen Maßstäbe und für die internationale Einordnung. Sie sind nicht als Streitparteien ausgewählt, sondern weil sie die im Beitrag verwendeten Zahlen erhoben oder in Auftrag gegeben haben.

Im Diskurs
Was die vier Quellen jeweils messen
Was misst welche Quelle, mit welcher Methode und in wessen Auftrag?
Ausgewählt sind die vier Institutionen, die die im Beitrag verwendeten Zahlen erhoben oder in Auftrag gegeben haben; sie stehen je für einen Maßstab, nicht für ein politisches Lager. Zwei der Studien sind allerdings Auftrags- oder Drittmittelarbeiten mit Nähe zu unterschiedlichen politischen Lagern; das ist jeweils vermerkt. Paraphrasiert, mit Quelle:
Statistisches Bundesamt (Datenjahr 2022)
Nach der Lohn- und Einkommensteuerstatistik zahlten 3,2 Millionen Steuerpflichtige den Spitzensteuersatz, das sind 7,4 Prozent der unbeschränkt Steuerpflichtigen. Auf sie entfiel knapp die Hälfte des gesamten Einkommensteueraufkommens.
DIW Berlin (Studie 2016, Datenbasis fortgeschrieben auf 2015)
Betrachte man alle Steuerarten zusammen, sei die Belastung nur schwach progressiv und in den unteren Dezilen sogar regressiv. Grund seien die indirekten Steuern, auf die gut 46 Prozent des Aufkommens entfielen und die Haushalte mit niedrigen Einkommen anteilig stärker belasteten. Die Studie erfasst einbehaltene Unternehmensgewinne nicht und deckt rund 80 Prozent des Steueraufkommens ab.
ifo Institut im Auftrag der Hanns-Seidel-Stiftung (2023, Rechtsstand 2022)
Rechne man Transfers und Sozialbeiträge mit, seien Haushalte unterhalb der Mittelschicht netto Empfänger; Mittelschicht und hohe Einkommen trügen netto die Lasten der Umverteilung. Von einem zusätzlich verdienten Euro blieben in der Mitte effektiv nur rund 50 Prozent, die effektive Grenzbelastung liege dort im Schnitt höher als bei hohen Einkommen. Am höchsten sei sie bei niedrigen Einkommen, wo Transfers wegfallen.
Bundesfinanzministerium (Monatsbericht August 2025)
Im internationalen Vergleich liege Deutschlands Abgabenquote gemessen am Bruttoinlandsprodukt im oberen Mittelfeld; beim Steuer- und Abgabenkeil für Alleinstehende mit Durchschnittsverdienst rangiere Deutschland hinter Belgien an zweiter Stelle der betrachteten Staaten.
Einordnung: Mehrere Dinge sind gleichzeitig richtig: Die Einkommensteuer ist stark progressiv, ein kleiner Teil der Steuerpflichtigen trägt fast die Hälfte ihres Aufkommens. Zugleich fällt die Belastung über alle Steuerarten flacher aus, weil indirekte Steuern rund die Hälfte des Aufkommens ausmachen und untere Einkommen anteilig stärker treffen. Und rechnet man Transfers mit, verschiebt sich das Bild noch einmal: Unterhalb der Mitte überwiegen die Leistungen, während in der Mitte von jedem zusätzlichen Euro nur etwa die Hälfte bleibt. Welcher Maßstab der richtige ist, lässt sich nicht empirisch entscheiden: Wer nach Leistungsfähigkeit fragt, kommt zu einem anderen Maßstab als wer nach der Netto-Position im Sozialstaat fragt. Zu bedenken ist außerdem, dass alle drei Rechnungen auf Annahmen darüber beruhen, wer eine Steuer wirtschaftlich trägt, und dass sie sich auf verschiedene Jahre beziehen.