Fachkräfteeinwanderung: Wie viele kommen, und reicht das für den Bedarf?
Deutschland altert und sucht Fachkräfte — und hat sich mit dem reformierten Fachkräfteeinwanderungsgesetz und der neuen Chancenkarte nach eigener Darstellung das „modernste Einwanderungsrecht“ Europas gegeben. Doch wie viele kommen auf legalem Weg wirklich, auf welchen, und reicht das? Die Daten zeigen: Der Zuzug von Fachkräften ist gewachsen, bleibt aber ein schmaler Ausschnitt der Zuwanderung — und ein zentrales Nadelöhr ist die Anerkennung ausländischer Abschlüsse.
Von GURT-Redaktion · 4. Juli 2026
Worum es geht
Deutschland wird älter: In den kommenden Jahren gehen die geburtenstarken Jahrgänge in Rente, und ohne Zuwanderung schrumpft die Zahl der Menschen im Erwerbsalter deutlich. Zugleich klagen Betriebe über fehlende Fachkräfte. Die Politik hat darauf reagiert und das Einwanderungsrecht in mehreren Stufen geöffnet — mit dem reformierten Fachkräfteeinwanderungsgesetz und der neuen, punktebasierten Chancenkarte.
Dieser Beitrag betrachtet die legale Erwerbszuwanderung aus Ländern außerhalb der EU (EU-Bürgerinnen und -Bürger dürfen ohnehin frei kommen und arbeiten). Drei Fragen führen hindurch: Warum sucht Deutschland überhaupt Fachkräfte? Wie viele kommen auf legalem Weg wirklich, und auf welchem? Und woran hakt es, wenn sie da sind?
Warum Deutschland Fachkräfte sucht
Der Ausgangspunkt ist die Demografie. Wie stark das Arbeitskräfteangebot von der Zuwanderung abhängt, zeigt eine Projektion des IAB: Ohne Zuwanderung fiele das Erwerbspersonenpotenzial bis 2060 um rund ein Drittel; erst eine hohe, dauerhafte Nettozuwanderung hält es stabil. Es ist eine Annahmerechnung, keine Vorhersage — aber die Richtung ist eindeutig.
| Jahr | Szenario | Potenzial (Mio.) |
|---|---|---|
| Jahr2020 | Szenarioohne Zuwanderung | Potenzial (Mio.)47,42 |
| Jahr2020 | Szenario+200.000 pro Jahr | Potenzial (Mio.)47,42 |
| Jahr2020 | Szenario+400.000 pro Jahr | Potenzial (Mio.)47,42 |
| Jahr2035 | Szenarioohne Zuwanderung | Potenzial (Mio.)40,23 |
| Jahr2035 | Szenario+200.000 pro Jahr | Potenzial (Mio.)45,44 |
| Jahr2035 | Szenario+400.000 pro Jahr | Potenzial (Mio.)47,44 |
| Jahr2040 | Szenarioohne Zuwanderung | Potenzial (Mio.)38,62 |
| Jahr2040 | Szenario+200.000 pro Jahr | Potenzial (Mio.)44,6 |
| Jahr2040 | Szenario+400.000 pro Jahr | Potenzial (Mio.)47,41 |
| Jahr2060 | Szenarioohne Zuwanderung | Potenzial (Mio.)31,3 |
| Jahr2060 | Szenario+200.000 pro Jahr | Potenzial (Mio.)41,51 |
| Jahr2060 | Szenario+400.000 pro Jahr | Potenzial (Mio.)47,87 |
Kurzfristig zeigt sich der Bedarf in offenen Stellen. Die Bundesagentur für Arbeit zählte 2024 rund 163 von gut 1.200 bewerteten Berufen als Engpassberuf — vor allem Pflege, Gesundheit, Bau und Handwerk. Das Institut der deutschen Wirtschaft beziffert die Fachkräftelücke für 2024 auf rund 487.000 rechnerisch nicht besetzbare Stellen (2025 rund 369.000). Wichtig: Der jüngste Rückgang ist konjunkturell; die viel zitierte Zahl von rund 400.000 nötigen Zuwanderern pro Jahr meint die Nettozuwanderung insgesamt, nicht Fachkräfte allein.
Wie viele wirklich kommen
Wie groß ist der tatsächliche Zuzug von Fachkräften? Die folgende Linie zeigt die Zuzüge aus Drittstaaten mit einem Aufenthaltstitel zur Erwerbstätigkeit. Sie ist über die Jahre gewachsen, brach in der Pandemie ein und hat sich danach wieder erholt.
| Jahr | Kategorie | Personen |
|---|---|---|
| Jahr2015 | KategorieErwerbsmigration | Personen38.836 |
| Jahr2016 | KategorieErwerbsmigration | Personen50.964 |
| Jahr2017 | KategorieErwerbsmigration | Personen60.882 |
| Jahr2018 | KategorieErwerbsmigration | Personen60.857 |
| Jahr2019 | KategorieErwerbsmigration | Personen64.219 |
| Jahr2020 | KategorieErwerbsmigration | Personen29.747 |
| Jahr2021 | KategorieErwerbsmigration | Personen40.421 |
| Jahr2022 | KategorieErwerbsmigration | Personen73.065 |
| Jahr2023 | KategorieErwerbsmigration | Personen72.400 |
Rund 72.000 Menschen kamen 2023 zur Erwerbstätigkeit — nach dem Corona-Einbruch wieder auf Rekordniveau. Gemessen am Ganzen ist das aber wenig: Von den rund 1,13 Millionen Drittstaatsangehörigen, die 2023 zuzogen, hatte nur gut jeder Sechzehnte (6,4 Prozent) einen Erwerbstitel. Die Bundesregierung verweist zwar auf rund 200.000 Erwerbsvisa im ersten Jahr nach der Reform (erteilte Visa, eine andere und breitere Zählweise) — doch selbst das liegt weit unter der Größenordnung, die die Demografie-Rechnung nahelegt.
Auf welchen Wegen
Wer als Fachkraft kommt, nutzt einen von mehreren Wegen. Das Diagramm zeigt die Zuzüge 2023 nach Aufenthaltszweck.
| Aufenthaltszweck | Personen |
|---|---|
| AufenthaltszweckSonstige Beschäftigung | Personen29.890 |
| AufenthaltszweckBlaue Karte EU | Personen20.835 |
| AufenthaltszweckFachkräfte (akademisch) | Personen6.155 |
| AufenthaltszweckForschende | Personen3.565 |
| AufenthaltszweckFachkräfte (Ausbildung) | Personen3.405 |
| AufenthaltszweckUnternehmensintern (ICT) | Personen1.205 |
Den größten Block bildet die sonstige Beschäftigung, zu der auch die Westbalkanregelung zählt; danach folgt die Blaue Karte EU, bei der Deutschland mit Abstand größter Aussteller in der EU ist. Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz wurde 2023 und 2024 in drei Stufen erweitert: erleichterte Blaue Karte, eine Erfahrungssäule für Fachkräfte ohne formale Anerkennung und die Chancenkarte zur Arbeitsuche (im ersten Jahr über 10.000-mal erteilt). Die Westbalkanregelung wurde auf 50.000 Plätze pro Jahr verdoppelt, doch die Nutzung liegt darunter — 2023 standen rund 60.000 Zustimmungen nur etwa 16.000 tatsächlichen Einreisen gegenüber.
Das Nadelöhr: Anerkennung
Ein Titel allein genügt oft nicht: In reglementierten Berufen — Pflege, Medizin, viele Gesundheitsberufe — muss der ausländische Abschluss erst anerkannt werden, bevor jemand im Beruf arbeiten darf. Die Zahl der Anerkennungen ist stark gestiegen.
| Jahr | Kategorie | Anzahl (Anerkennungen) |
|---|---|---|
| Jahr2016 | KategorieAnerkennungen | Anzahl (Anerkennungen)26.235 |
| Jahr2017 | KategorieAnerkennungen | Anzahl (Anerkennungen)30.222 |
| Jahr2018 | KategorieAnerkennungen | Anzahl (Anerkennungen)36.369 |
| Jahr2019 | KategorieAnerkennungen | Anzahl (Anerkennungen)42.462 |
| Jahr2020 | KategorieAnerkennungen | Anzahl (Anerkennungen)44.790 |
| Jahr2021 | KategorieAnerkennungen | Anzahl (Anerkennungen)46.935 |
| Jahr2022 | KategorieAnerkennungen | Anzahl (Anerkennungen)52.290 |
| Jahr2023 | KategorieAnerkennungen | Anzahl (Anerkennungen)65.280 |
| Jahr2024 | KategorieAnerkennungen | Anzahl (Anerkennungen)79.104 |
Seit 2016 hat sich die Zahl der positiv beschiedenen Anerkennungen mehr als verdreifacht. Das System wächst also — aber es konzentriert sich stark auf einige wenige Berufe.
| Beruf | Anzahl (Anerkennungen) |
|---|---|
| BerufPflege | Anzahl (Anerkennungen)32.500 |
| BerufÄrztinnen und Ärzte | Anzahl (Anerkennungen)11.000 |
| BerufIngenieurwesen | Anzahl (Anerkennungen)4.400 |
| BerufLehrkräfte | Anzahl (Anerkennungen)2.800 |
| BerufPhysiotherapie | Anzahl (Anerkennungen)2.200 |
| BerufErziehung | Anzahl (Anerkennungen)2.100 |
Rund drei Viertel aller Anerkennungen entfallen auf Gesundheitsberufe, allen voran die Pflege; das Diagramm zeigt die größten Einzelberufe. Es bildet die anerkennungspflichtigen Berufe ab, nicht die gesamte Branchenverteilung der Zuwanderung (die im Ausländerzentralregister nicht erfasst ist) — zeigt aber, wo der Engpass sitzt. Zwei Einschränkungen bleiben: 2024 erhielten nur 43 Prozent eine volle Gleichwertigkeit, 45 Prozent nur mit Auflage (etwa einem Anpassungslehrgang). Und rund die Hälfte der Anträge wird inzwischen aus dem Ausland gestellt — die Anerkennung ist damit immer öfter die Vorstufe der Einwanderung, nicht erst die Nachqualifizierung bereits Anwesender.
Wie darüber gestritten wird
Über die Diagnose besteht weitgehend Einigkeit, über die Konsequenz nicht. Die folgenden Stimmen spannen das Feld auf — von „mehr und schneller“ über „das Nadelöhr ist die Verwaltung“ bis „gezielt steuern“.