Die Zeitenwende in Zahlen: Wie Deutschland seine Verteidigung umbaut
Innerhalb eines Jahrzehnts ist Deutschland vom Zwei-Prozent-Nachzügler zum Land geworden, das die NATO-Marke erreicht — finanziert über ein 100-Milliarden-Sondervermögen und eine gelockerte Schuldenbremse. Die echten Zahlen zeigen, wie groß der Sprung ist, wohin das Geld fließt und worüber gestritten wird.
Von GURT-Redaktion · 1. Juni 2026
Worum es geht
Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine rief Bundeskanzler Olaf Scholz 2022 die „Zeitenwende" aus und kündigte ein Sondervermögen von 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr an. 2025 lockerte der Bundestag zudem die Schuldenbremse: Verteidigungsausgaben oberhalb von einem Prozent des BIP sind seither von ihr ausgenommen. Damit ist nicht nur ein einmaliger Schub finanziert, sondern ein dauerhaft höheres Ausgabenniveau angelegt.
Was bedeutet das in Zahlen? Drei Fragen führen durch diesen Beitrag: Wie groß ist der Sprung bei den Ausgaben? Wohin fließt das Geld? Und worüber wird gestritten?
Vom Schlusslicht zur Zwei-Prozent-Marke
Über Jahre lag Deutschland deutlich unter der 2014 vereinbarten NATO-Marke von zwei Prozent des BIP. Erst 2024 wurde sie erreicht: Der Anteil stieg von 1,16 Prozent (2014) auf 2,00 Prozent — der stärkste Anstieg fällt mit Sondervermögen und Zeitenwende ab 2022 zusammen.
Liniendiagramm
Liniendiagramm der deutschen Verteidigungsausgaben als Anteil am realen Bruttoinlandsprodukt (NATO-Definition, Preisbasis 2021), 2014–2024. Der Wert steigt von 1,16 % (2014) auf 2,00 % (2024) — 2024 erreichte Deutschland erstmals seit Anfang der 1990er-Jahre die NATO-Marke von zwei Prozent. Der stärkste Sprung fällt mit dem Sondervermögen und der Zeitenwende ab 2022 zusammen.
jahr
anteil (% BIP)
2014
1,16
2015
1,16
2016
1,18
2017
1,21
2018
1,23
2019
1,33
2020
1,49
2021
1,43
2022
1,48
2023
1,61
2024
2
Deutsche Verteidigungsausgaben als Anteil am realen BIP (NATO-Definition, Preisbasis 2021). 2024 erstmals 2,0 %. Quelle: NATO, Defence Expenditure of NATO Countries (2014–2025).Quelle:NATO — Defence Expenditure of NATO Countries (2014–2025)
Zwei Prozent sind im Bündnis allerdings die Eintrittsschwelle, nicht die Spitze. Im Vergleich aller NATO-Mitglieder liegt Deutschland 2024 genau auf der Marke — und damit im Mittelfeld: Die Staaten an der Ostflanke geben, gemessen an ihrer Wirtschaftskraft, mit Abstand am meisten aus.
Verteilung (Beeswarm)
Beeswarm-Diagramm: Verteidigungsausgaben als Anteil am realen BIP 2024 (NATO-Schätzung, Preisbasis 2021) für 31 NATO-Mitglieder, je ein Punkt pro Land. Die Werte reichen von 1,19 % (Luxemburg) bis 3,79 % (Polen). Deutschland liegt mit genau 2,00 % auf dem NATO-Richtwert — und damit im Mittelfeld: Staaten an der Ostflanke wie Polen (3,79), Estland (3,37), Lettland (3,36) und Litauen (3,09) sowie die USA (3,21) und Griechenland (2,74) geben anteilig deutlich mehr aus; mehrere west- und südeuropäische Partner wie Spanien (1,43), Italien (1,50) und Belgien (1,29) liegen darunter. Eine gestrichelte Linie markiert den 2-%-Richtwert.
land
prozent (% BIP)
Polen
3,79
Estland
3,37
Lettland
3,36
USA
3,21
Litauen
3,09
Griechenland
2,74
Finnland
2,4
Vereinigtes Königreich
2,33
Schweden
2,31
Dänemark
2,27
Norwegen
2,27
Rumänien
2,17
Ungarn
2,13
Türkei
2,13
Tschechien
2,08
Frankreich
2,03
Deutschland
2
Niederlande
2
Slowakei
1,96
Bulgarien
1,95
Nordmazedonien
1,89
Kroatien
1,87
Montenegro
1,72
Albanien
1,7
Portugal
1,58
Italien
1,5
Kanada
1,47
Spanien
1,43
Slowenien
1,37
Belgien
1,29
Luxemburg
1,19
Verteidigungsausgaben als Anteil am realen BIP 2024, je ein Punkt pro NATO-Mitglied (Island ohne eigene Streitkräfte ausgenommen). Deutschland (hervorgehoben) liegt bei 2,0 %. Quelle: NATO, Defence Expenditure of NATO Countries (2014–2025).Quelle:NATO — Defence Expenditure of NATO Countries (2014–2025), Tabelle 3
Wohin die 100 Milliarden fließen
Das Sondervermögen ist kein laufendes Budget, sondern ein Investitionsprogramm. Der Wirtschaftsplan 2022 verteilte den größten Teil auf die Luftstreitkräfte — darunter die Beschaffung des US-Kampfjets F-35 und schwerer Transporthubschrauber — gefolgt von Führung und Digitalisierung sowie dem Heer. Bis Ende 2024 waren alle Mittel vertraglich gebunden.
Treemap
Luftstreitkräfte33 Mrd € · 41 %
Führung & Digitalisierung21 Mrd € · 25 %
Heer (Land)17 Mrd € · 20 %
Marine (See)9 Mrd € · 11 %
Bekleidung & Ausrüstung2 Mrd € · 2 %
Forschung & Technologie0 Mrd € · 0 %
Luftstreitkräfte
Kampfflugzeuge (u. a. F-35, Eurofighter), Hubschrauber, Luftverteidigung und Drohnen.
Führung & Digitalisierung
Funk- und Führungssysteme, IT-Netze und Satellitenkommunikation.
Heer (Land)
Gepanzerte Fahrzeuge, Schützenpanzer und Ausrüstung der Landstreitkräfte.
Marine (See)
Fregatten, Korvetten, U-Boote und maritime Ausrüstung.
Bekleidung & Ausrüstung
Persönliche Ausrüstung und Bekleidung der Soldatinnen und Soldaten.
Forschung & Technologie
Wehrtechnische Forschung und Entwicklung.
Daten als Tabelle anzeigen
dimension
mrd (Mrd €)
Anteil
Enthält
Luftstreitkräfte
33,4
40,8 %
Kampfflugzeuge (u. a. F-35, Eurofighter), Hubschrauber, Luftverteidigung und Drohnen.
Führung & Digitalisierung
20,7
25,3 %
Funk- und Führungssysteme, IT-Netze und Satellitenkommunikation.
Heer (Land)
16,6
20,3 %
Gepanzerte Fahrzeuge, Schützenpanzer und Ausrüstung der Landstreitkräfte.
Marine (See)
8,8
10,8 %
Fregatten, Korvetten, U-Boote und maritime Ausrüstung.
Bekleidung & Ausrüstung
1,9
2,3 %
Persönliche Ausrüstung und Bekleidung der Soldatinnen und Soldaten.
Forschung & Technologie
0,4
0,5 %
Wehrtechnische Forschung und Entwicklung.
Wirtschaftsplan 2022 des Sondervermögens Bundeswehr (81,9 Mrd € Verpflichtungsermächtigungen) nach Dimensionen. Quelle: Bundesregierung/BMVg, Wirtschaftsplan 2022.Quelle:Sondervermögen Bundeswehr — Wirtschaftsplan 2022
Der Streit über Tempo, Schulden und Wirkung
Dass Deutschland wieder mehr in Verteidigung investiert, ist breiter Konsens. Umstritten sind das Tempo des weiteren Anstiegs, die Finanzierung über Schulden statt aus dem Kernhaushalt und die Frage, ob das Geld die Truppe tatsächlich einsatzfähiger macht.
Im Diskurs
Wie über die Aufrüstung gestritten wird
Wie viel Verteidigung braucht Deutschland — und wie soll sie finanziert werden?
Die Richtung ist weithin Konsens, das Tempo und die Finanzierung sind umstritten. 2025 lockerte der Bundestag die Schuldenbremse für Verteidigungsausgaben oberhalb von 1 % des BIP; für 2026 sind rund 108 Mrd € vorgesehen, bis 2029 ein Anteil von 3,5 % des BIP, beim NATO-Gipfel in Den Haag wurde 2025 ein Ziel von 5 % (3,5 % Kern + 1,5 % verwandt) bis 2035 beschlossen. Ausgewählte Stimmen (paraphrasiert, mit Quelle):
Angesichts der Bedrohung durch Russland seien deutlich steigende Verteidigungsausgaben „zwingend notwendig"; Deutschland müsse abschreckungs- und bündnisfähig werden.
Kernaufgaben wie die Verteidigung sollten grundsätzlich aus laufenden Einnahmen finanziert werden, nicht über Schulden; eine Ausnahme von der Schuldenbremse solle allenfalls oberhalb von 2 % des BIP greifen. Die Verschuldungsdynamik berge langfristige Risiken.
Das Sondervermögen solle „zusätzlich" wirken und stärker investitionsorientiert eingesetzt werden, damit es die Verteidigungsfähigkeit tatsächlich erhöht und nicht reguläre Ausgaben ersetzt.
Die Devise „Whatever it takes" sei ein „Blankoscheck" für die Rüstungsindustrie; Verteidigung müsse aus dem Kernhaushalt finanziert werden, und Diplomatie dürfe nicht in den Hintergrund treten.
Einordnung: Dass Deutschland nach Jahren der Unterfinanzierung wieder mehr in Verteidigung investiert, ist breiter Konsens. Strittig ist dreierlei: das Tempo (3,5 % bzw. 5 %), die Finanzierung (Schulden vs. Kernhaushalt) und die Wirksamkeit (ob das Geld die Truppe tatsächlich einsatzfähiger macht). Mehrere dieser Anliegen können gleichzeitig berechtigt sein.