GURT

Die Rente und ihre Annahmen: Was trägt — und was, wenn es kippt?

Die gesetzliche Rente ist umlagefinanziert: Die Beiträge von heute zahlen die Renten von heute. Das funktioniert, solange genug Erwerbstätige auf jede Rentnerin kommen — doch die geburtenstarken Jahrgänge gehen in Rente. Die echten Zahlen zeigen, wie stark die Last steigt, was die Annahmen versprechen und worüber gestritten wird.

Von GURT-Redaktion · 2. Juni 2026

Worum es geht

Die gesetzliche Rente in Deutschland ist umlagefinanziert: Was Beschäftigte und Arbeitgeber heute einzahlen, wird unmittelbar an die heutigen Rentnerinnen und Rentner ausgezahlt. Dieses Versprechen ruht auf einer demografischen Annahme — dass genug Erwerbstätige auf jede Person im Ruhestand kommen. Genau diese Annahme gerät unter Druck, weil die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen.

Drei Fragen führen durch den Beitrag: Wie stark verschiebt sich das Verhältnis von Jung zu Alt? Was tut die Politik dagegen — und was verspricht sie? Und warum rät sie zugleich dringend zur privaten Vorsorge? Der rote Faden ist eine Kette: Demografie → Druck auf das Rentenniveau → Versorgungslücke → ergänzende Vorsorge.

Die demografische Wette

Fangen wir konkret an: Wie viele Menschen sind überhaupt im Rentenalter? Heute ist gut jede·r Fünfte 67 Jahre oder älter. Mit der Verrentung der geburtenstarken Jahrgänge wird daraus rasch jede·r Vierte — und je nach Entwicklung bis 2070 fast jede·r Dritte.

Verhältnis (je 100)
Anteil der Bevölkerung ab 67 Jahren, je 100 Menschen, 2025 / 2035 / 2070 (mittlere Annahme G2L2W2; bei stärkerer Alterung 2070 rund 33). Quelle: Statistisches Bundesamt, 16. kBV (eigene Berechnung, GENESIS 12421-0002).Quelle: Statistisches Bundesamt — 16. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung (eigene Berechnung aus GENESIS 12421-0002)

Für die Rentenkasse zählt aber nicht nur, wie viele alt sind, sondern wie viele Erwerbstätige sie tragen. Genau das misst der Altenquotient: Personen ab 67 je 100 Menschen im erwerbsfähigen Alter (20 bis 66). Er liegt heute bei rund 33 und steigt in allen Zukunftsvarianten — bis etwa 2040 steil, weil die Babyboomer in den Ruhestand wechseln; danach spreizt sich der Korridor je nach Geburtenrate, Lebenserwartung und Zuwanderung. Selbst im günstigsten Fall kommen 2070 rund 43 Menschen ab 67 auf 100 Erwerbstätige — ein Drittel mehr als heute; im ungünstigsten sind es 61. Die Alterung ist also keine Frage des Ob, sondern des Wie stark.

Liniendiagramm
Liniendiagramm des Altenquotienten — Personen ab 67 Jahren je 100 Personen im erwerbsfähigen Alter (20 bis 66) — von 2024 bis 2070. Heute liegt er bei rund 33. Bis etwa 2040 steigt er in allen Zukunftsvarianten steil auf über 44 (die Babyboomer gehen in Rente), danach spreizt sich der Korridor: In der mittleren Annahme (G2L2W2) steigt er weiter auf 51 (2070), bei stärkerer Alterung (alte Bevölkerung, G1L3W1) auf 61, bei schwächerer Alterung (junge Bevölkerung, G3L1W3) verharrt er um 43. Selbst der günstigste Pfad bedeutet rund ein Drittel mehr Rentner je Erwerbsperson als heute. Quelle: 16. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung, eigene Berechnung aus der Altersstruktur.
jahrvariantequotient (67+ je 100 (20–66))
2024Stärkere Alterung33
2030Stärkere Alterung38,6
2035Stärkere Alterung44,5
2040Stärkere Alterung46,8
2045Stärkere Alterung47,2
2050Stärkere Alterung49,4
2055Stärkere Alterung52,4
2060Stärkere Alterung55,6
2065Stärkere Alterung58,6
2070Stärkere Alterung61
2024Mittlere Annahme33
2030Mittlere Annahme38
2035Mittlere Annahme43,1
2040Mittlere Annahme44,6
2045Mittlere Annahme44,2
2050Mittlere Annahme45,2
2055Mittlere Annahme46,9
2060Mittlere Annahme48,5
2065Mittlere Annahme50
2070Mittlere Annahme51
2024Schwächere Alterung33
2030Schwächere Alterung37,4
2035Schwächere Alterung41,8
2040Schwächere Alterung42,5
2045Schwächere Alterung41,4
2050Schwächere Alterung41,2
2055Schwächere Alterung41,7
2060Schwächere Alterung42,2
2065Schwächere Alterung42,7
2070Schwächere Alterung42,8
Altenquotient (Personen ab 67 je 100 im Alter 20–66), 2024–2070. Drei Varianten der 16. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung: „Mittlere Annahme" (G2L2W2, durchgezogen) zwischen „Stärkere Alterung" (alte Bevölkerung, G1L3W1) und „Schwächere Alterung" (junge Bevölkerung, G3L1W3). Quelle: Statistisches Bundesamt, 16. kBV (eigene Berechnung aus der Altersstruktur, GENESIS-Tabelle 12421-0002).Quelle: Statistisches Bundesamt — 16. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung (eigene Berechnung aus GENESIS 12421-0002)

Aussage-Check: Zwei Beitragszahler, eine Rente?

Bundeskanzler Friedrich Merz brachte diese Last beim DGB-Bundeskongress im Mai 2026 auf eine Formel — „Das ist Demografie und Mathematik" — und begründete damit den Reformbedarf:

Und es übersteigt ganz einfach die Kräfte von zwei Beitragszahlern, wenn sie in Zukunft eine Person in der Rente finanzieren sollen."
Friedrich Merz (Bundeskanzler), DGB-Bundeskongress Berlin, Mai 2026

Gemeint ist das Umlageprinzip: Die Beiträge der Erwerbstätigen finanzieren die laufenden Renten. Entscheidend ist deshalb, wie viele Beitragszahler auf einen Rentner kommen. Dieses Verhältnis ist über Jahrzehnte gesunken — von rund sechs in den 1960er-Jahren auf etwa zwei heute (2024: 40,1 Millionen aktiv Versicherte, 18,9 Millionen Altersrentner). Und mit der Verrentung der Babyboomer sinkt es absehbar unter zwei zu eins.

Liniendiagramm
Liniendiagramm: Wie viele Beitragszahler kommen auf einen Rentner in der gesetzlichen Rentenversicherung (gerundete Kopfzahl)? Die beobachtete Reihe sinkt von rund 6 (1962) über 4 (1973) und 3 (1988) auf rund 2 heute (2024: 40,11 Mio. aktiv Versicherte je 18,92 Mio. Altersrentner ≈ 2,1). Eine zweite, als Projektion ausgewiesene Reihe setzt am heutigen Wert an und fällt weiter: rund 1,5 (2030) und rund 1,3 (2050) Beitragszahler je Rentner (IW Köln). Damit sinkt das Verhältnis absehbar unter zwei zu eins.
jahrreihewert (Beitragszahler je Rentner)
1962Beobachtet6
1973Beobachtet4
1988Beobachtet3
2024Beobachtet2,1
2024Projektion2,1
2030Projektion1,5
2050Projektion1,3
Beitragszahler je Rentner in der gesetzlichen Rentenversicherung, gerundet. Beobachtet 1962–2024: aktiv Versicherte je Altersrentner (Demografieportal/BiB; aktueller Wert Deutsche Rentenversicherung 2024). Projektion 2030/2050: IW Köln. Definitionen leicht unterschiedlich — Werte daher gerundet und Projektion getrennt ausgewiesen.Quelle: Demografieportal des BiB & Deutsche Rentenversicherung (beobachtet); IW Köln (Projektion)

Die Aussage trifft die Richtung — als „zwei finanzieren eine" ist sie aber eine Vereinfachung. Drei Dinge runden das Bild, und sie können gleichzeitig richtig sein. Erstens hängt die genaue Zahl von der Definition ab: je nachdem, ob man nur Altersrentner (rund 2,1) oder alle Rentenbeziehenden zählt und ob man nach Köpfen oder nach dem amtlichen Äquivalenz-Rentnerquotienten der Rentenformel rechnet, fällt sie etwas anders aus. „Zwei" ist eine faire gerundete Momentaufnahme, keine exakte Konstante. Zweitens tragen nicht allein die Beiträge: 2024 kamen rund 76 Prozent der Einnahmen aus Beiträgen, aber rund ein Viertel — etwa 93 Milliarden Euro — aus Steuern (Bundeszuschuss), unter anderem als Ausgleich für versicherungsfremde Leistungen. Drittens zählt die Kennzahl Köpfe, nicht Beiträge pro Kopf: Löhne und Produktivität steigen über die Zeit, weshalb das reine Kopf-Verhältnis die Last tendenziell überzeichnet. Die Demografie verschärft sie dennoch real.

Was die Annahmen versprechen

Politik reagiert mit mehreren Stellschrauben. Das Rentenpaket 2025 hält das Rentenniveau — das Verhältnis einer Standardrente zum Durchschnittslohn — bis 2031 bei 48 Prozent; danach sinkt es laut Projektion bis 2039 auf 46,3 Prozent. Zugleich steigt der Beitragssatz von 18,6 auf 21,2 Prozent. Stabiles Niveau, höhere Beiträge und ein wachsender Steuerzuschuss greifen also ineinander. Den Rest trägt der Bund: Rund ein Viertel der Renteneinnahmen — über 100 Milliarden Euro im Jahr — kommt aus Steuern und ist einer der größten Posten im Bundeshaushalt.

Liniendiagramm
Liniendiagramm der Projektion von Rentenniveau und Beitragssatz bis 2039 aus dem Rentenversicherungsbericht 2025. Das Rentenniveau wird per Haltelinie bis 2031 bei 48 % gehalten und sinkt danach bis 2039 auf 46,3 %. Der Beitragssatz steigt von 18,6 % (bis 2027 stabil) über 20,0 % (2029) auf 21,2 % (2039). Beide Hebel bewegen sich, um die Rente trotz wachsender demografischer Last zu finanzieren.
jahrkennzahlprozent (%)
2025Rentenniveau48
2027Rentenniveau48
2029Rentenniveau48
2039Rentenniveau46,3
2025Beitragssatz18,6
2027Beitragssatz18,6
2029Beitragssatz20
2039Beitragssatz21,2
Projektion: Rentenniveau und Beitragssatz bis 2039, in Prozent. Quelle: Rentenversicherungsbericht 2025 (Bundesregierung).Quelle: Rentenversicherungsbericht 2025

Die Lücke und die drei Säulen

Die Haltelinie sichert das Niveau — aber befristet, und ein gehaltenes Niveau bedeutet nicht gleichbleibende Kaufkraft: Das Rentenniveau misst die Standardrente am Durchschnittslohn, nicht an den eigenen Lebenshaltungskosten. Sinkt es langfristig, öffnet sich eine Versorgungslücke — die gesetzliche Rente ersetzt dann einen kleineren Teil des früheren Einkommens. Genau hier setzt das Drei-Säulen-Modell an: gesetzliche (erste), betriebliche (zweite) und private (dritte) Vorsorge sollen das Alterseinkommen gemeinsam tragen.

Die Bundesregierung stärkt 2025/26 alle drei Säulen. Für die gesetzliche das Rentenpaket mit der 48-Prozent-Haltelinie; für die betriebliche das Zweite Betriebsrentenstärkungsgesetz (Dezember 2025); für die private die Frühstart-Rente — ab 2026 zahlt der Staat für jedes Schulkind von 6 bis 18 zehn Euro im Monat in ein privates, kapitalgedecktes Altersvorsorgedepot —, flankiert vom Altersvorsorgereformgesetz, das die geförderte private Vorsorge günstiger und renditeorientierter machen soll.

Die Logik dahinter: Was die umlagefinanzierte Rente demografisch nicht mehr allein stemmen kann, soll Kapitaldeckung ergänzen — Geld, das am Kapitalmarkt mitwächst, statt von immer weniger Beitragszahlern aufgebracht zu werden. Die Grenzen sind ebenso real: Kapitalmärkte schwanken und kennen keine Garantie; wer wenig verdient, kann wenig zurücklegen — und bei der Frühstart-Rente endet die staatliche Einzahlung mit 18. Je mehr Gewicht von der ersten auf die dritte Säule wandert, desto stärker hängt die Alterssicherung am individuellen Sparvermögen. Ob die ergänzende Vorsorge die Lücke schließt oder die Ungleichheit im Alter vergrößert, ist offen — und der Kern der Debatte.

Wie darüber gestritten wird

Über die Diagnose herrscht weithin Einigkeit, über die Verteilung der Lasten nicht. Höheres oder niedrigeres Niveau, späteres Eintrittsalter, mehr kapitalgedeckte Vorsorge, ein größerer Steuerzuschuss — die folgenden Stimmen spannen das Feld auf.

Im Diskurs
Wie über die Rente gestritten wird
Wer trägt die wachsende Last — und wie werden die Lücken gefüllt: über die gesetzliche Rente, Steuern, späteres Arbeiten oder private Vorsorge?
Dass die Demografie die umlagefinanzierte Rente unter Druck setzt, ist unstrittig; umstritten ist, an welchen Stellschrauben gedreht wird. Mit dem Rentenpaket 2025 hält die Bundesregierung das Niveau zunächst bei 48 %. Ausgewählte Stimmen (paraphrasiert, mit Quelle):
Bundesregierung (BMAS, Rentenpaket 2025)
Mit dem Rentenpaket 2025 werde das Rentenniveau über die Rentenanpassung 2031 hinaus bei 48 % gehalten, um die Renten verlässlich zu stabilisieren.
Quelle: Rentenbericht 2025 · Bundesregierung
Deutsche Rentenversicherung (Bericht)
Die Projektion zeigt einen steigenden Beitragssatz — bis 2039 auf rund 21 % — sowie einen hohen, über Steuern finanzierten Bundeszuschuss. Eine verlässliche, langfristige Finanzierung sei entscheidend.
Quelle: Rentenversicherungsbericht 2025 (Kabinettbeschluss) · BMAS / Deutsche Rentenversicherung
Institut der deutschen Wirtschaft (IW)
Das dauerhafte Festschreiben des Niveaus sei teuer: Allein 2035 fehlten dadurch rund 34 Milliarden Euro. Ohne Anpassungen — etwa beim Renteneintrittsalter, beim Niveau oder durch mehr kapitalgedeckte Vorsorge — wachse die Last vor allem für die Jüngeren.
Sozialverband VdK
Das Rentenniveau müsse dauerhaft gesichert und eher angehoben werden, um Altersarmut zu verhindern; ein höheres Renteneintrittsalter und Leistungskürzungen lehnt der Verband ab.
Quelle: Sozialverband VdK — Positionen zur Rente · Sozialverband VdK
Wissenschaftlicher Beirat beim BMWK
Ein dauerhaft festgeschriebenes Rentenniveau sei nicht generationengerecht finanzierbar. Der Beirat empfiehlt, das Renteneintrittsalter an die steigende Lebenserwartung zu koppeln, statt die Last über höhere Beiträge und Steuerzuschüsse auf die Jüngeren zu verschieben (Rentnerquotient rund 48 je 100 Beitragszahler 2016, rund 70 bis 2045).
Quelle: Grundlegende Reform der gesetzlichen Rentenversicherung (Gutachten) · Wissenschaftlicher Beirat beim BMWK
Bundesregierung (BMF, Frühstart-Rente)
Eine renditestärkere, kostengünstigere kapitalgedeckte Vorsorge solle die gesetzliche Rente ergänzen. Die Frühstart-Rente führe junge Menschen früh an den Kapitalmarkt heran und baue über Jahrzehnte zusätzliches Alterskapital auf.
Wirtschaftsdienst (ZBW) / Verbraucherschutz
Kapitalgedeckte Vorsorge biete langfristig Renditechancen, berge aber Verteilungsrisiken: Einkommensschwache Haushalte könnten nach dem Ende der staatlichen Förderung kaum weiter einzahlen — für sie drohe die Lücke sich eher zu vergrößern als zu schließen.
Einordnung: Die Demografie ist gesetzt — strittig ist die Verteilung der Lasten. Jede Stellschraube verschiebt sie woandershin: ein höheres Niveau entlastet Rentnerinnen und Rentner, belastet aber Beitrags- und Steuerzahlende; ein höheres Eintrittsalter oder mehr Kapitaldeckung entlastet die Kasse, trifft aber andere. Mehrere dieser Antworten können zugleich nötig sein.