China-Abhängigkeit: Wie viel De-Risking ist möglich?

Deutschland und China sind wirtschaftlich eng verflochten — eine Verbindung, von der beide Seiten profitieren und die zugleich Schlagseite hat: Die Importe aus China bleiben hoch, die Exporte sinken, das Handelsdefizit ist strukturell. Bei einzelnen kritischen Gütern wie den Magnet-Metallen für Elektromotoren importiert Deutschland nahezu vollständig aus China. Politisch heißt das Ziel „De-Risking“ — doch in den Handelszahlen ist davon bisher kaum etwas zu sehen.

Von GURT-Redaktion · 15. Juni 2026

Worum es geht

Kaum eine Wirtschaftsbeziehung wird so intensiv diskutiert wie die mit China. 2025 war die Volksrepublik mit einem Außenhandelsumsatz von rund 252 Milliarden Euro wieder Deutschlands wichtigster Handelspartner. Diese Verflechtung bringt Wohlstand — und sie ist einseitig geworden: Deutschland kauft deutlich mehr in China, als es dorthin verkauft.

Seit 2023 lautet das politische Ziel „De-Risking, nicht Decoupling“ — Risiken mindern, ohne sich zu entkoppeln. Drei Fragen führen durch den Beitrag: Wie eng und wie einseitig ist die Verflechtung? Wo ist die Abhängigkeit konkret am größten? Und kommt das De-Risking überhaupt voran?

Wie eng — und wie symmetrisch — ist die Verflechtung?

Der Warenhandel zeigt eine klare Asymmetrie. Die deutschen Ausfuhren nach China sinken seit 2022 Jahr für Jahr — von 106,8 (2022) auf 81,3 Milliarden Euro (2025). Die Einfuhren aus China liegen weit darüber und blieben hoch; 2025 stiegen sie wieder auf 170,6 Milliarden Euro.

Liniendiagramm
Liniendiagramm des deutschen Warenhandels mit China 2022–2025, in Milliarden Euro. Die Ausfuhren nach China sinken seit 2022 (106,8) Jahr für Jahr: 97,3 (2023), 90,0 (2024), 81,3 (2025). Die Einfuhren aus China liegen weit darüber: nach dem Höchststand 2022 (191,1) gingen sie auf 155,7 (2023) und 156,3 (2024) zurück und stiegen 2025 wieder auf 170,6. So bleibt ein strukturelles Handelsdefizit — 2025 rund 89 Milliarden Euro.
JahrReiheMrd (Mrd. Euro)
2022Einfuhren aus China191,1
2023Einfuhren aus China155,7
2024Einfuhren aus China156,3
2025Einfuhren aus China170,6
2022Ausfuhren nach China106,8
2023Ausfuhren nach China97,3
2024Ausfuhren nach China90
2025Ausfuhren nach China81,3
Deutscher Warenhandel mit China 2022–2025, in Mrd. Euro. Der Abstand zwischen Ein- und Ausfuhren ist das Handelsdefizit. Quelle: Statistisches Bundesamt (Ausfuhren und Defizit amtlich; Einfuhren 2022/2023 daraus abgeleitet — siehe Methodik —, 2024/2025 amtlich).Quelle: Statistisches Bundesamt — Außenhandel mit China (Pressemitteilungen 2025/2026)

Daraus ergibt sich ein strukturelles Handelsdefizit von rund 89 Milliarden Euro (2025). Beim Ranking der Handelspartner wechselt die Spitze — 2024 lagen erstmals seit neun Jahren wieder die USA vorn, 2025 war China erneut Nummer eins. Für die Frage der Abhängigkeit zählt aber weniger der Rang als die Richtung: Bei den Einfuhren ist Deutschland besonders auf China angewiesen.

Wo wird die Abhängigkeit konkret?

Abhängigkeit ist kein Durchschnitt, sondern steckt in einzelnen Gütern. Am sichtbarsten ist sie bei den seltenen Erden — Metallen für Elektromotoren, Magnete, Akkus und Elektronik. Über alle seltenen Erden zusammen kam 2025 noch gut die Hälfte der nach Deutschland importierten Menge aus China; einzelne Stoffe sind stärker konzentriert. Bei den Magnet-Metallen Neodym, Praseodym und Samarium importiert Deutschland laut amtlicher Statistik „nahezu vollständig“ aus China — einen genauen Prozentwert weist die Statistik dafür nur EU-weit aus (97,7 Prozent, 2024).

Balkendiagramm
Balkendiagramm: Anteil Chinas an der nach Deutschland importierten Menge seltener Erden, 2023 bis 2025 (Statistisches Bundesamt). Der direkte China-Anteil sank von 69,1 Prozent (2023) über 65,5 Prozent (2024) auf 55,4 Prozent (2025) — der mit Abstand deutlichste Rückgang unter den deutschen Einfuhren aus China, aber weiterhin die Mehrheit der Menge. Einzelne Stoffe sind stärker konzentriert: Lanthanverbindungen — der Großteil der deutschen Importmenge, unter anderem für Akkus — kamen 2024 zu 76,3 Prozent aus China; bei den Magnet-Metallen Neodym, Praseodym und Samarium (für Elektromotoren) importiert Deutschland laut amtlicher Statistik „nahezu vollständig“ aus China, einen Prozentwert nennt sie dafür nur EU-weit (97,7 Prozent, 2024). Die Anteile messen das direkte Herkunftsland der Importmenge, nicht zwingend den Förderort.
JahrAnteil (% der Importmenge)
202369,1
202465,5
202555,4
China-Anteil an der nach Deutschland importierten Menge seltener Erden, 2023–2025 (in Prozent der Importmenge). Quelle: Statistisches Bundesamt (Pressemitteilungen April 2025 und April 2026). Anteil = direktes Herkunftsland, nicht zwingend Förder- oder Verarbeitungsort.Quelle: Statistisches Bundesamt — Seltene Erden überwiegend aus China (Pressemitteilungen 2025/2026)

Über seltene Erden hinaus reicht die Verflechtung tief in die Industrie. In ifo-Unternehmensumfragen gaben zuletzt 37 Prozent der Industriefirmen an, von wichtigen Vorprodukten aus China abhängig zu sein (2022: 46 Prozent). Nach einer Auswertung des IW Köln wiesen 77 von 229 untersuchten Produktgruppen über fünf Jahre einen China-Anteil von mindestens 50 Prozent auf; rund 80 Prozent der betroffenen Unternehmen halten einen Ersatz für schwierig.

Kommt das De-Risking voran?

In der politischen Rhetorik ist De-Risking allgegenwärtig — in den Handelszahlen ist es bisher kaum messbar. Chinas Anteil an den gesamten deutschen Wareneinfuhren stieg 2024 sogar leicht auf 11,9 Prozent (zuletzt verfügbarer Jahreswert), weil die Importe aus China zunahmen, während die Gesamteinfuhren sanken. Unternehmensbefragungen zeigen: Eine breite Mehrheit hat die Beschaffung aus China nicht zurückgefahren; viele Firmen kauften zuletzt ähnlich viel oder mehr dort ein als fünf Jahre zuvor. Klar zurückgegangen ist dagegen der mengenmäßige China-Anteil bei den seltenen Erden — von 69,1 (2023) auf 55,4 Prozent (2025). Beide Größen sind nicht direkt vergleichbar: Die 11,9 Prozent messen einen Wertanteil aller Einfuhren, der Seltene-Erden-Wert einen Mengenanteil einer einzelnen Warengruppe; sie zeigen je nur den eigenen Trend.

Wie darüber gestritten wird

Schon über das Ausmaß der Risiken wird gestritten — und ebenso darüber, wie weit eine Entflechtung gehen soll, wie schnell und wer die Kosten trägt. Die folgenden Stimmen spannen das Feld auf: von der Sorge vor strategischer Erpressbarkeit bis zur Warnung vor einer überzogenen, selbstschädigenden Entkopplung.

Im Diskurs
Wie über das De-Risking gestritten wird
Wie weit soll Deutschland seine wirtschaftlichen Abhängigkeiten von China verringern — und zu welchem Preis?
Seit der China-Strategie 2023 ist „De-Risking, nicht Decoupling“ die offizielle Linie: Risiken mindern, ohne sich zu entkoppeln. Umstritten ist, wie kritisch die Abhängigkeiten wirklich sind, wie weit eine Entflechtung gehen soll, wie schnell — und ob sie überhaupt geschieht. Ausgewählte Stimmen (paraphrasiert, mit Quelle):
Bundesregierung (China-Strategie 2023)
Eine Reduzierung von Risiken (De-Risking) sei dringend erforderlich, eine Entkopplung der Volkswirtschaften (De-Coupling) lehne man jedoch ab. China setze seine wirtschaftliche Macht gezielt ein, um politische Ziele zu verfolgen — einseitige Abhängigkeiten bei kritischen Gütern müssten deshalb verringert werden.
BDI (Industrie)
Der Industrieverband hält die De-Risking-Strategie für richtig, warnt aber vor einer Entkopplung: China bleibe ein zentraler Absatzmarkt und Lieferant. Diversifizierung sei nötig, müsse aber unternehmerisch und mit Augenmaß erfolgen, nicht als politisch verordneter Rückzug.
Quelle: BDI — Außenwirtschaft: China · Bundesverband der Deutschen Industrie
Automobilindustrie (VW / VDA)
Für die exportstarke Autoindustrie ist China der mit Abstand wichtigste Einzelmarkt. Volkswagen verlängerte 2024 sein Gemeinschaftsunternehmen mit SAIC bis 2040 und setzt auf „In China, für China“ — lokale Entwicklung und Lieferketten, um im Markt zu bleiben und zugleich weniger erpressbar zu werden. Ein konfrontativer Rückzug würde Wettbewerbsfähigkeit und Arbeitsplätze kosten.
IW Köln (Jürgen Matthes)
In den Daten sei vom De-Risking „keine Spur“: Chinas Anteil an den deutschen Wareneinfuhren stieg 2024 auf 11,9 Prozent, die Importe aus China nahmen zu. Politische Rhetorik und reales Beschaffungsverhalten der Unternehmen klafften auseinander; bei vielen Vorprodukten bestehe weiter eine hohe Abhängigkeit.
Quelle: Deutsche Einfuhren aus China 2024: Von De-Risking keine Spur · Institut der deutschen Wirtschaft (IW)
ifo Institut (Lisandra Flach)
Eine breite Ent-Globalisierung wäre sehr teuer: Eine Modellrechnung des Instituts beziffert den Wohlstandsverlust einer umfassenden Rückverlagerung der Produktion nach Deutschland auf rund 10 Prozent des BIP. Eine reine Handels-Entkopplung allein von China schlägt im Modell dagegen weit geringer zu Buche (etwa ein halbes Prozent). Die Schlussfolgerung: nicht pauschal entkoppeln, sondern einseitige Abhängigkeiten bei wirklich kritischen Gütern gezielt verringern.
MERICS (China-Forschung)
Während China sich wirtschaftlich zunehmend von Europa unabhängig mache, wachse Deutschlands Abhängigkeit von China weiter. Darin liege ein strategisches Risiko, weil China wirtschaftliche Hebel im Konfliktfall politisch einsetzen könne. De-Risking müsse deshalb über einzelne Rohstoffe hinaus gedacht werden.
Quelle: MERICS — Nationale Perspektiven für das De-Risking Europas gegenüber China · Mercator Institute for China Studies (MERICS)
Gegenposition: Interdependenz als Stabilisator
Eine Gegenstimme in der Forschung warnt davor, die Risiken zu überzeichnen: Wirtschaftliche Verflechtung sei nicht automatisch eine Schwäche, sondern schaffe wechselseitige Interessen und könne dadurch stabilisierend wirken — auch China ist auf den europäischen Markt und auf Technologie angewiesen. Ein Übermaß an Entflechtung berge eigene Risiken; entscheidend sei gezielte Resilienz, nicht die Behandlung jeder Abhängigkeit als Bedrohung.
Quelle: Ist Deutschland zu abhängig von China? · Bundeszentrale für politische Bildung (bpb)
Einordnung: Mehrere Dinge sind zugleich richtig: Die Verflechtung mit China bringt Wohlstand und ist nicht ohne Weiteres ersetzbar — und sie ist bei einzelnen kritischen Gütern hoch konzentriert — und das politisch ausgerufene De-Risking ist in den Handelszahlen bisher kaum messbar. Die Streitfrage ist nicht, ob Risiken bestehen, sondern welche davon kritisch genug sind, um die Kosten einer Diversifizierung zu rechtfertigen.